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Daniel Schäfer

Am Schwarzen Brett im Aufenthaltsraum hängen Zettel zum Dienstplantausch, mit Reißzwecken an die Korkfläche gedrückt. Dazwischen klebt eine Postkarte mit einem Satz. Kein Absender, kein Buchtitel, nur der Hinweis, der Satz stamme von Marx. Die Karte sagt damit: So steht es im Buch. Das ist der verbreitete Irrtum, dass ein Satz auf einer Karte auch genau so im Buch steht. Auf dem Weg ans Brett ist er meist kürzer und glatter geworden, als er davor war.

Zwei berühmte Sprüche von Marx lassen sich dagegen in einem Buch belegen. Der eine besagt, die Philosophen hätten die Welt bisher nur verschieden gedeutet, es komme darauf an, sie zu verändern; er ist die elfte der „Thesen über Feuerbach“. Der andere sagt, große geschichtliche Ereignisse kämen zweimal vor, einmal als Tragödie und einmal als Farce; er steht im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ von 1852. Beide gebe ich sinngemäß wieder, ohne Anführungszeichen.

Wie aus einem Satz ein Spruch wird

Ein Spruch ist ein Satz, der ohne seinen Text weiterreist. Der Text ist der Zusammenhang: die Absätze davor, das Buch, in dem der Satz steht, die Frage, auf die er antwortet. Unterwegs fällt das alles ab. Der Satz wird kürzer und glatter, und je weiter er reist, desto lauter wird er. Am Ende hängt er irgendwo an einer Wand, und der Name des Schreibers ist längst vergessen.

Mit Marx geschieht das besonders oft, weil über ihn so viel geredet wird, dass ein kurzer Satz bequemer ist als ein ganzes Buch. Unter dem Stichwort Denkmäler, Sprüche und Symbole landen solche Sätze, und ich nehme zwei davon, deren Stelle sich in einem Buch nachlesen lässt.

Die Philosophen und die Welt

Die „Thesen über Feuerbach“ sind elf kurze Notizen, die Marx 1845 für sich aufgeschrieben hat. Ludwig Feuerbach war ein Philosoph, auf den Marx sich damals kritisch bezog. Veröffentlicht hat Marx die Notizen nicht. Erst 1888 ließ Friedrich Engels, sein Freund und Mitautor, sie drucken, mehr als vierzig Jahre später. Der berühmte Satz war also lange eine private Notiz.

Ich kenne zwei Fassungen des Wortlauts. Sie unterscheiden sich in Kleinigkeiten, und welche die maßgebliche ist, weiß ich nicht. Deshalb steht der Satz hier ohne Anführungszeichen: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden gedeutet, es käme darauf an, sie zu verändern. Für die Richtung genügt die sinngemäße Fassung.

Ich lese den Satz als Seitenhieb auf Denker, die erklären und dabei stehen bleiben. Wie das Verändern aussehen soll, sagt die Notiz nicht, und das Wort ist so dehnbar, dass es auf eine Gesellschaft ebenso passt wie auf eine Wohnzimmerwand. Auf einer Karte füllt jeder diese Lücke mit dem, was er gerade braucht.

In Berlin ist die These in Stein gemeißelt, im Treppenhaus der Humboldt-Universität. Beschrieben kenne ich das Treppenhaus, gesehen habe ich es nie. Es passt trotzdem zum Gang eines Spruchs: Buchstaben in Stein sehen nach Endgültigkeit aus, auch wenn der Satz als hingeworfene Notiz begann.

Tragödie, Farce und ein Satz, der auf alles passt

Der „Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ erschien 1852. Ein Brumaire ist ein Monat im Kalender der Französischen Revolution, und der Titel erinnert an den Staatsstreich Napoleons I. Marx beschreibt darin den Staatsstreich von dessen Neffen Louis Bonaparte, der sich später selbst zum Kaiser machte.

Marx beruft sich zu Beginn auf den Philosophen Hegel: Große weltgeschichtliche Tatsachen und Personen ereignen sich gewissermaßen zweimal. Marx fügt hinzu, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, also als derbe Posse. Hegel lebte im frühen 19. Jahrhundert; der Gedanke von der Wiederholung kommt von ihm, die Pointe mit der Farce ist nach meiner Lesart die von Marx.

Der Satz handelt von Geschichte. Mit Marx’ Lehre über Wirtschaft und Arbeit hat er wenig zu tun, und gerade deshalb passt er auf fast alles, was einen beschäftigt. Jeder kennt etwas, das zum zweiten Mal kommt und dabei ein wenig lächerlicher wirkt: ein zweiter Anlauf, ein Neuanstrich, die Neuauflage einer alten Idee. Der Satz legt sich auf Kleines wie auf Großes, und deshalb taugt er für jede Postkarte. Ich wende ihn auf die Gegenwart nicht an; sobald man das tut, sagt er nur, was man ohnehin schon dachte.

Beide Sprüche stammen aus kleineren Schriften. Das Hauptwerk, „Das Kapital“, Marx’ Untersuchung der Wirtschaft, liegt auf der anderen Seite des Themas: Zitate aus dem Kapital bleiben innerhalb eines einzigen Buches und bringen ihren Text mit, weil sie ohne ihn kaum zu verstehen sind.

Und das Manifest?

Einen der bekanntesten Sätze lasse ich hier weg; er steht am Schluss des Kommunistischen Manifests von 1848, der dünnen Schrift von Marx und Engels. Ich zitiere ihn nicht und führe ihn nicht aus. Den Wortlaut und die Stelle finden Sie in der Rubrik Manifest und Kommunismus, die auch die Schrift selbst vorstellt.

Zurück zur Stelle

Wer einem Spruch traut, sucht die Stelle, aus der er stammt, und liest die Absätze davor. Das gilt für die Karte am Schwarzen Brett wie für die beiden Sätze hier. Nehmen Sie sich zur Übung die elfte These vor: Suchen Sie die „Thesen über Feuerbach“ heraus, lesen Sie die zehn davor, und sehen Sie dann, was der Satz auf der Karte weglässt. Finden Sie bei einem anderen Spruch keine Stelle, behandeln Sie ihn wie die Postkarte am Brett: als Satz ohne Absender.

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