Warum ist Das Kapital so schwer zu lesen?
Das Kapital gilt als schwer. Ein Laie erzählt, woran er zweimal abbrach, bevor es im dritten Anlauf klappte: Sprache, Aufbau, Erwartungen.
Der Band liegt auf dem Tisch, der Rücken weich gelesen. Eselsohren an den Ecken, Zettel zwischen den Seiten, an einer Stelle drei Fragezeichen mit Bleistift. Das Buch erzählt am Zustand seiner Seiten von meinen drei Anläufen, bevor ein Wort über den Inhalt fällt: Die ersten Kapitel sind abgegriffen, weiter hinten werden die Seiten glatter, denn dort bin ich erst beim dritten Mal richtig angekommen.
Gemeint ist „Das Kapital“ von Karl Marx, sein Hauptwerk über die Frage, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert. Band 1 habe ich erst im dritten Anlauf zu Ende gelesen, Band 2 und 3 kenne ich nur in Teilen. Zweimal habe ich vorher aufgehört. Die Gründe für die Schwere des Buchs lassen sich benennen, und sie sind weniger entmutigend, als es sich mitten im dritten Kapitel anfühlt.
Diese Rubrik ist mein Leserbericht. Sie beantwortet die Fragen, die man hat, bevor man das Buch zum ersten Mal aufschlägt: wie man es angeht, was Kapital heißt, wie Marx den Kapitalismus fasst. Ich schreibe auf, was ich verstanden habe, und lasse offen, was noch nicht sitzt.
Alles hängt an Kapital und Kapitalismus. Im Alltag hört man bei „Kapital“ ein Vermögen, einen Geldsack, eine Summe auf dem Konto. Marx meint, so lese ich ihn, einen Wert, der eingesetzt wird, damit er mehr Wert wird: Geld, das sich vermehren soll, samt allem, was dafür arbeitet. Er selbst schreibt von der „kapitalistischen Produktionsweise“, also der Art, wie in einer Gesellschaft Güter hergestellt werden, wenn dieses Verfahren den Ton angibt. „Kapitalismus“ ist das spätere, kürzere Wort dafür. Im Alltag ist es meist eine Parole, dafür oder dagegen.
Wer die beiden Wörter im Kopf behält, liest ruhiger. Viele Sätze in Band 1 drehen sich um sie, nur in immer neuen Verkleidungen.
Heute lese ich Abschnitt für Abschnitt, mal kurz, mal lang, je nachdem, wo ein Gedanke endet. Der Bleistift liegt bereit: Ein Haken am Rand heißt verstanden, ein Haken mit Welle halb verstanden, drei Fragezeichen heißen, dass ich hängen geblieben bin. Eine solche Stelle lasse ich vorerst stehen und lese weiter. Oft klärt sie sich zehn Seiten später, manchmal erst im nächsten Anlauf.
Mein Verfahren ist eine Gewohnheit und braucht keine Begabung. Wie man das Kapital lesen kann, ohne dass es zur Strafarbeit wird, habe ich ausführlicher beschrieben.
Band 2 und 3 kenne ich, wie gesagt, nur in Teilen. Wenn Sie zuerst die Karte des ganzen Werks sehen möchten, bevor Sie sich in einen Band hineinbegeben, finden Sie sie in drei Bänden in drei Sätzen. Eine Karte hilft auch dann, wenn man sie später korrigiert.
Die Lücken in Band 2 und 3 will ich irgendwann schließen, stückweise und ohne Termin. Bis dahin steht in dieser Rubrik, was ich kenne, und wo ich nur Teile kenne, sage ich es dazu.