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Daniel Schäfer

Ein Fahrrad besteht aus Rahmen, Antrieb und Laufrädern. Jede dieser drei Gruppen lässt sich einzeln prüfen, und doch fährt man nur mit allen dreien. So ähnlich ist es mit den „drei Säulen“ des Marxismus – nur dass das Wort Säule eher an Marmor erinnert als an etwas, das sich dreht.

Gemeint sind drei Teile: die Philosophie, die politische Ökonomie und die Lehre vom Sozialismus. Politische Ökonomie ist die Lehre davon, wie eine Gesellschaft ihre Güter herstellt und verteilt; Sozialismus ist eine Gesellschaftsordnung, in der die Betriebe nicht einzelnen Eigentümern gehören. Die Philosophie liefert dabei die Denkweise, die Ökonomie den Gegenstand und die Lehre vom Sozialismus die Folgerung. Das ist die kurze Antwort.

Das Bild kommt aus meinem Keller. Dort steht eine kleine Fahrradwerkstatt, in der ich Räder für mich und für Nachbarn repariere: ein Montageständer, ein Satz Schraubenschlüssel. Ein Rad wird dort Gruppe für Gruppe geprüft, mit den Händen am Material. Ich nehme es hier als Erklärhilfe.

Eine Ordnung, die erst später kam

Marx selbst hat von drei Säulen nicht gesprochen. Die Dreiteilung ist eine spätere Ordnung, und sie sortiert den Marxismus nach Fächern, ordentlich wie ein Regal. Meist wird sie mit einem Aufsatz Lenins von 1913 verbunden, der „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ heißt. Ob die Ordnung Marx gefallen hätte, weiß ich nicht. Beim Lesen fällt jedenfalls auf, dass in seinen Büchern Philosophie, Wirtschaftsanalyse und politische Absicht oft im selben Absatz stehen.

Woher die einzelnen Teile stammen und bei welchen Denkern und Ökonomen Marx in die Lehre gegangen ist, erzählt Person und Werk von Karl Marx. Als Register taugt die Dreiteilung trotzdem, solange man weiß, dass es ein Register ist. Man schlägt ein Fach auf, liest dort und legt es zurück; zusammengesetzt wird später, und genau dort beginnen die Missverständnisse.

Zuerst die Denkweise

Die erste Säule ist die Philosophie, und bei Marx ist sie vor allem eine Denkweise. Zwei Wörter tragen sie. Materialismus meint, die Welt aus Stoff und Arbeit zu lesen, aus dem, was Menschen herstellen und womit sie es herstellen; Ideen wachsen aus diesem Boden. Dialektik ist die Annahme, dass Entwicklung über Widersprüche läuft, also über Gegensätze, die sich aneinander reiben und dabei etwas Neues hervorbringen. Der Gedanke kommt von Hegel.

In späteren Lehrbüchern heißt das historischer und dialektischer Materialismus. Wichtig ist mir an dieser Säule nur eines: Sie liefert eine Blickrichtung, die erst im Zusammenspiel mit den beiden anderen Teilen etwas behauptet.

Das klingt abstrakt und bleibt es, solange man es nicht anwendet. Anwenden heißt, bei einer Preisliste, einem Markt oder einer Gewohnheit zuerst zu fragen, wer womit arbeitet und was sich daran gerade verändert. Die Dialektik fügt eine zweite Frage hinzu: Welcher Widerspruch treibt die Sache an, und was entsteht, wenn er sich löst?

Die Wirtschaft unter der Lupe

Die zweite Säule ist der Gegenstand: die Wirtschaft, und zwar als Ganzes. Marx untersucht sie im Zusammenhang und kritisiert sie dabei. Waren, Lohn und Gewinn sind die Stichworte, und jedes davon bekommt seinen Platz in einem größeren Bild. Eine Ware ist dabei ein Ding, das für den Tausch hergestellt wird, Lohn die Bezahlung für Arbeit, Gewinn das, was dem Eigentümer eines Betriebs nach allen Kosten bleibt.

Das Hauptwerk heißt „Das Kapital“ und trägt den Untertitel „Kritik der politischen Ökonomie“. Der erste Band erschien 1867. Kritik bedeutet dort, so lese ich das Wort, prüfen im alten Sinn: auseinandernehmen, um zu sehen, wie etwas zusammenhängt. Wie die Ausführung im Einzelnen aussieht, steht im Buch selbst. Für das Gefüge genügt: Die zweite Säule ist der am gründlichsten ausgearbeitete Teil.

Aus der Analyse wird eine Handlungsfrage

Die dritte Säule ist die Folgerung. Wenn die Verhältnisse so gemacht sind, wie sie sind, was folgt daraus für die Menschen, die in ihnen arbeiten? Die Lehre antwortet mit zwei Begriffen. Klassenkampf ist der Streit zwischen Besitzenden und Arbeitenden um den Ertrag der Arbeit. Sozialismus ist die Antwort auf die Frage, wie das anders eingerichtet werden könnte.

Marx und Engels nannten diese Lehre „wissenschaftlicher Sozialismus“. Das Wort „wissenschaftlich“ ist dabei ein Name: Sie setzten ihre Lehre damit von früheren Entwürfen ab, die sie „utopisch“ nannten.

Damit ist das Gefüge beschrieben. Das ist das eine; wohin das alles führen soll und was Marx dabei offenlässt, ist die andere Seite der Sache, und dort wird die Beschreibung auffallend dünn.

Warum ich lieber von einem Rad spreche

Das Bild von der Säule verdeckt etwas. Säulen stehen nebeneinander, jede trägt ein Stück Dach, und fällt eine aus, hält der Rest zunächst noch. Die drei Teile des Marxismus greifen dagegen ineinander wie die Gruppen eines Rades: Jeder lässt sich für sich lesen, bleibt aber ohne die anderen unvollständig. Die Philosophie ohne Wirtschaftsanalyse hängt in der Luft, und die Analyse ohne die Frage, was aus ihr folgt, wird zum Gutachten.

Mit den Fragen rund um den Marxismus ist es ähnlich. Wer bei den Säulen anfängt, stößt bald darauf, was das Ganze überhaupt sein soll und wie es sich einordnen lässt, und diese Nachbarfragen findet man unter Marxismus verstehen, ohne Lehrbuch.

Im Keller hängt das Rad wieder im Montageständer, die Schraubenschlüssel hängen zurück an der Werkzeugwand. Marmor bleibt, wo er steht. Ein Rad fährt erst, wenn alle drei Gruppen dran sind.

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