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Daniel Schäfer

Das Wort „Schule“ weckt ein Bild: Klassenzimmer, Lehrer an der Tafel. Unter der Frankfurter Schule versteht man einen Kreis von Denkern rund um das Institut für Sozialforschung, das 1923 in Frankfurt am Main gegründet wurde. Dort forschten und schrieben Leute an gemeinsamen Fragen. Den Namen haben andere erst später vergeben, von außen.

Warum „Schule“ das falsche Bild ist

Eine Schule im strengen Sinn hat einen Lehrplan und meist einen Meister, dessen Sätze gelten. Im Frankfurter Kreis schrieb jeder über seine Gegenstände auf seine Art, und einig war man sich keineswegs immer.

Der Name ist deshalb eine Zuschreibung von außen. Er ist kurz und praktisch, sagt über den Inhalt aber wenig. Von außen benannt zu werden hat etwas Schiefes: Der Name beschreibt, wie andere den Kreis sahen, und lässt offen, wie er sich selbst sah. Ich benutze ihn trotzdem, weil man den Kreis unter keinem anderen Namen findet.

Ein Institut in Frankfurt

Das Institut für Sozialforschung war eine Forschungseinrichtung, die an die Frankfurter Universität angebunden war. Sozialforschung heißt: Man untersucht die Gesellschaft selbst, etwa ihre Wirtschaft und ihre Kultur. Gegründet wurde das Institut 1923, und an diesem Datum lässt sich alles Weitere aufhängen. Eine Universität gibt einem solchen Haus Rückhalt, und ein Institut gibt den Forschern einen gemeinsamen Arbeitsplatz. Mehrere Leute arbeiteten dort an derselben Frage, jeder von seiner Seite aus. Dass daraus später ein Name für den ganzen Kreis wurde, liegt an dieser gemeinsamen Adresse.

Das Gründungsjahr fällt in die Weimarer Republik, die junge deutsche Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg. Fragen nach Arbeit und Zusammenleben standen damals mitten im öffentlichen Streit, und ein Institut, das die Gesellschaft untersuchte, hatte reichlich Stoff. Sein Alltag bestand aus Lesen und Schreiben und aus Gesprächen über Gegenstände, die noch niemand abschließend erklärt hatte. Das Klassenzimmer, das der Name verspricht, hat es in dieser Geschichte nie gegeben.

Exil und Rückkehr

Anfang der dreißiger Jahre übernahm Max Horkheimer die Leitung des Instituts. Er stand dort nicht allein, und wer sonst zum Kreis gehörte, führt zu mehreren bekannten Namen.

Nach 1933 musste der Kreis das Land verlassen, und das Institut ging mit ihm. Der Weg führte über Genf in die USA, nach New York. Exil heißt: Man lebt an einem Ort, den man sich nicht ausgesucht hat. Das Institut arbeitete dort weiter, und einige der bekanntesten Bücher des Kreises entstanden in diesen Jahren. Jahrelang war es weit weg von der Stadt, nach der der Kreis heute benannt wird.

Nach dem Krieg folgte die Rückkehr nach Frankfurt, um 1950. Der Kreis hatte die Stadt nicht freiwillig verlassen, und er kam in eine zurück, die vom Krieg gezeichnet war. Der Name „Frankfurter Schule“ erzählt nur von der Stadt und lässt die Jahre dazwischen aus.

Marx, Freud und die deutsche Philosophie

Die Mischung ist das Besondere. Den Ausgangspunkt bildet Marx, der die Gesellschaft von Arbeit und Eigentum her denkt: Wem gehört was, und wer arbeitet für wen? Dazu kommt Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, einer Lehre vom Unbewussten. Sie fragt, was Menschen antreibt, ohne dass sie es selbst merken. Und die deutsche Philosophie, die Denktradition von Kant bis Hegel, liefert die Begriffe, mit denen sich das alles ordnen lässt. Marx selbst kam von Hegel her, die Philosophie war also von Anfang an im Spiel. Die Quellen stammen aus ganz verschiedenen Ecken: Freud war Arzt in Wien, Marx Philosoph und Ökonom, Kant und Hegel lehrten an Universitäten.

Dass Freud neben Marx steht, überrascht beim ersten Hören. Ich lese es so: Wer fragt, warum Menschen Verhältnisse hinnehmen, die ihnen schaden, kommt mit der Wirtschaft allein nicht weit und braucht etwas über den Einzelnen. Meine Merkhilfe dazu lautet: Marx für die Verhältnisse, Freud für den Menschen, die Philosophie für das Werkzeug des Denkens. Sie vereinfacht, trägt aber als Orientierung. Wie genau die drei im einzelnen Buch zusammenspielen, weiß ich nicht; ich kenne den Kreis nur aus der Ferne eines Lesers.

Was sie verband – und was nicht

Verbunden hat die Leute eine Frage: Warum ist die Gesellschaft so, wie sie ist – und muss sie so bleiben? Sie lässt sich an vielen Gegenständen stellen, und das erklärt, warum der Kreis über so Verschiedenes geschrieben hat. Mir ist der zweite Teil der Frage der wichtigere: Dass etwas so ist, sagt noch nichts darüber, ob es so sein muss. Die Antworten gingen weit auseinander.

Für dieses Fragen gibt es einen Begriff, die Kritische Theorie. Ich hatte das Wort oft gehört, ohne es erklären zu können. Ich wollte wissen, was bei diesen Leuten „kritisch“ heißt, und habe deshalb nachgelesen, was Kritische Theorie meint. Die Antwort war kürzer, als ich erwartet hatte.

Ich lebe in der Stadt, nach der der Kreis benannt ist, und wusste lange kaum etwas über ihn. Dass ein Kreis Marx weiterdachte und dabei zeitweise in New York saß, hat mich neugierig gemacht. Was ich dazu gelesen habe, steht unter Marx weitergedacht, in meiner Stadt.

Der Weg des Instituts lässt sich in drei Wörtern sagen: hin und zurück. Am Ende steht ein Haus mit Fenstern, und in den Scheiben spiegelt sich, was draußen vorbeigeht.

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