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Daniel Schäfer

Eine Mannschaft hat einen Kader, eine Startelf und eine Ersatzbank, dazu Leute, die nie offiziell aufgestellt wurden. So ähnlich lässt sich die Frankfurter Schule ordnen. Das Bild hat seine Grenzen, doch für die Frage, wer dazugehört, reicht es als Aufstellung.

Die Startelf wäre klein: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Zum Kader zählen Herbert Marcuse, Friedrich Pollock, Erich Fromm und Leo Löwenthal. Auf der Ersatzbank sitzt, je nach Zählung, Walter Benjamin. Danach kommt eine zweite Generation mit Jürgen Habermas und eine dritte mit Axel Honneth.

Warum „Philosophen“ zu eng gefragt ist

Die Frage nach den Philosophen verengt den Kreis, bevor man ihn überhaupt angesehen hat. Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt, an dem der Kreis arbeitete, war auf Gesellschaftsforschung angelegt, und dafür reicht Philosophie allein nicht. Dort arbeiteten Ökonomen, Psychoanalytiker und Leute, die Literatur und Kultur soziologisch untersuchten. Ein reiner Philosophenverein war das nie. Ein Ökonom fragt, wie der Betrieb einer Gesellschaft läuft, ein Psychoanalytiker, was in den Menschen vorgeht, die darin mitmachen, ein Kultursoziologe, was sie lesen und hören. Zusammengelegt ergibt das ein Bild, das keines dieser Fächer allein liefert.

Ich habe das beim Lesen zuerst übersehen und nach lauter Philosophennamen gesucht. Die Liste, die dabei herauskam, war seltsam bunt: ein Ökonom neben einem Psychoanalytiker neben jemandem, der über Literatur schrieb. Erst mit dieser Mischung ergibt die Schule Sinn, denn sie wollte die Gesellschaft von mehreren Seiten zugleich betrachten.

Die erste Generation: der Kern

Horkheimer und Adorno sind der Kern. Gemeinsam haben sie die „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben, ein Buch von 1947 und eines der bekanntesten des Kreises. Horkheimer leitete das Institut. Adornos Sätze gelten als schwer, und doch lassen sie sich ohne Fachsprache erzählen, wie in Kritische Theorie bei Adorno einfach erklärt.

Um die beiden herum standen die anderen, jeder mit einem eigenen Fach.

Herbert Marcuse ist der Philosoph unter ihnen, sein bekanntestes Buch heißt „Der eindimensionale Mensch“ und erschien 1964. Erich Fromm war Psychoanalytiker und Sozialpsychologe; von ihm stammt „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941). Friedrich Pollock war Ökonom und der engste Mitarbeiter Horkheimers, einer, der die Zahlen im Blick hatte, während andere an Begriffen feilten. Leo Löwenthal untersuchte als Literatur- und Kultursoziologe, was Menschen lesen und warum.

So bleibt für jeden Namen ein Satz und ein Buchtitel, mehr braucht es zur Orientierung nicht. Die Gedanken selbst sind eine andere Baustelle.

Weggefährten am Rand

Walter Benjamin war dem Kreis nah und dem Institut verbunden, wird aber meist eher Weggefährte als Kern genannt. Sein bekanntester Text ist der Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Mitte der dreißiger Jahre geschrieben. Er handelt davon, was mit einem Bild geschieht, wenn man es beliebig oft vervielfältigen kann. Mit der Frage, wer im Kader steht, hat das wenig zu tun, und gerade das macht ihn für die Einordnung interessant: Sein Name taucht neben den anderen auf, obwohl sein Thema ein eigenes ist.

Ob man Benjamin zur Schule rechnen soll, weiß ich nicht. In dem, was ich gelesen habe, wird er mal zum Kreis gezählt und mal als Gast am Rand geführt. Beides lässt sich begründen. Für mich ist er ein Beispiel dafür, dass ein Name auf dem Zettel noch keine Mitgliedschaft bedeutet: Man kann mit einem Kreis eng verbunden sein, ohne je offiziell aufgestellt zu werden.

Zweite und dritte Generation

Die Einteilung in Generationen ist eine Ordnungshilfe der Späteren. Die Beteiligten selbst haben sich nie in solchen Reihen aufgestellt, sie kam erst hinterher, als man sehen wollte, wer auf wen folgte.

Mit Jürgen Habermas klingt die zweite Generation anders als die erste, schon sein Thema ist ein anderes. Sein frühes Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ erschien 1962, und was er im Kern sagen will, steht unter Was die Kernaussage von Habermas ist.

Axel Honneth gehört zur dritten Generation. Sein Buch „Kampf um Anerkennung“ kam 1992 heraus, später leitete er das Institut. An ihm sieht man, wie sich die Zugehörigkeit verändert: Horkheimer und Adorno saßen mitten im Kreis, Habermas gilt als Fortsetzer auf eigenem Weg, und bei Honneth reicht oft schon die Linie zurück, damit man ihn zur Schule zählt. Mit jeder Generation wird die Bindung lockerer, und das Wort „Schule“ trägt immer weniger.

Es kommt darauf an, wie man zählt

Eine Mitgliederliste gibt es nicht, es hat nie eine gegeben. Die Zugehörigkeit hängt davon ab, nach welchem Kriterium man fragt. Ein Verein mit Mitgliedsausweisen wäre einfacher zu zählen gewesen, aber so hat sich dieser Kreis nie verstanden.

Nimmt man das Institut als Maß, zählt, wer dort gearbeitet hat. Bei der Denkweise zählen auch Leute, die nie einen Schreibtisch im Institut hatten, aber ähnlich dachten. Und wenn der Ort entscheidet, kommt es darauf an, wer in Frankfurt gelehrt, gelebt oder geschrieben hat. Je nach Frage sieht die Aufstellung anders aus, und jede Variante lässt sich verteidigen. Keine davon ist die amtliche, weil es kein Amt gibt, das so etwas festlegt. Jeder dieser Namen führt zu einer eigenen Frage, und als Reihe stehen sie unter Frankfurter Schule und Kritische Theorie.

Horkheimer und Adorno stehen in jeder dieser Aufstellungen, bei den übrigen Namen entscheidet die Zählweise. Das macht die Antwort ungenauer, aber auch ehrlicher: Ein Kader verändert sich mit jeder Spielzeit, und dieser hier wurde nie auf einem offiziellen Blatt geführt.

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