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Daniel Schäfer

Ich habe beschlossen, auf die Frage nach der Kernaussage von Marx nie wieder mit einem nachgesagten Zitat zu antworten. Der Grund ist schnell erzählt: Ich konnte den Satz sagen, aber nicht erklären. Beim Versuch, ihn zu erklären, blieb es bei Bruchstücken. Also habe ich das Buch an der Stelle aufgeschlagen, an deren Rand nur ein einziges Wort steht: „Kern?“.

Die Antwort passt in drei Sätze. Es gibt nicht den einen Satz. Die Kernaussage ist eher eine Frage, die unter allem liegt: Wer arbeitet, wem gehört das, womit gearbeitet wird, und was prägt das im Rest des Zusammenlebens? Marx beantwortet sie, in Alltagssprache gesagt, so: Wie Menschen ihr Auskommen erarbeiten, prägt ihr Recht, ihre Politik und ihr Denken, und die Richtung läuft von der Arbeit zu den Ideen.

Warum ich auf diese Frage kein Zitat anbiete

Ein Zitat klingt nach Antwort. Es hat Wucht, es lässt sich in einer Sekunde sagen, und danach nickt man. Außerdem erspart es die Mühe, den Zusammenhang zu lesen, in dem der Satz steht. Marx hat über Jahrzehnte geschrieben, seine Gedanken liegen über viele Texte verteilt, und jeder Satz, den ich herauspickte, wäre schon eine Gewichtung. Dafür habe ich keinen Beleg.

Das Handexemplar ist zerlesen. Die Stelle am Rand stammt aus dem Vorwort zu „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859, und außer dem einen Wort steht dort nichts. Auf dem Tisch liegt neben dem Buch ein Blatt, bewusst nicht eingelegt. Darauf steht derselbe Satz, dreimal umgeschrieben. Bei diesem Blatt habe ich lange gesessen.

Der Gedanke unter den Seiten: Arbeit und Eigentum

Menschen müssen essen, wohnen und sich kleiden, und all das muss jemand herstellen. Das geschieht selten allein. Gearbeitet wird mit Produktionsmitteln, das sind Maschinen, Land, Fabriken und alles andere, womit etwas hergestellt wird. Wem sie gehören, entscheidet mit darüber, wer für wen arbeitet und wer über das Ergebnis verfügt.

Daraus folgt das Wort Klasse. Marx nennt so eine Gruppe von Menschen, die zum Eigentum an den Produktionsmitteln dieselbe Stellung haben. Die Besitzerin einer Fabrik steht anders da als jemand, der nur seine Arbeitskraft anbieten kann, und aus diesem Unterschied entstehen Interessen, die sich reiben. Das Wort beschreibt also eine Lage gegenüber dem Eigentum, und zwei Menschen mit ganz verschiedenen Berufen können in derselben Klasse stehen. Das Manifest von 1848 erzählt die Geschichte als eine Geschichte solcher Kämpfe zwischen Klassen.

Hier weiß ich es nicht: Welche dieser Fragen Marx selbst als Kern gesetzt hätte, die Arbeit, das Eigentum oder den Gang der Geschichte, bleibt auch unter Lesern strittig. Die Lesarten gehen auseinander, und ich will keine davon als die richtige ausgeben. Ich nehme das als Hinweis, dass der Kern aus mehreren Teilen besteht, die zusammengehören, und dass ein einzelner Satz sie schlecht tragen kann.

Sein und Bewusstsein in Alltagssprache

Im selben Vorwort steht der Gedanke, den man die materialistische Geschichtsauffassung nennt. Materialistisch heißt hier: Die Grundlage der Gesellschaft ist das, was Menschen zum Leben herstellen, Nahrung und Wohnung, und danach richtet sich der Rest. Marx fasst das mit den Wörtern Sein und Bewusstsein. Das Sein ist, wie Menschen leben und arbeiten, das Bewusstsein ist, was sie denken und für richtig halten. Das Sein prägt das Bewusstsein. Ein Beispiel in meinen Worten: Ob jemand beim Thema Wohnen zuerst an Gemütlichkeit oder an die Miete denkt, hängt oft davon ab, ob ihm die Wohnung gehört oder er sie mietet. Die Übersetzung in den Alltag stammt von mir, Marx hat das Beispiel nie gebraucht.

Dazu gehört ein Gedanke, der die Aussage von bloßer Beschwerde unterscheidet: Die Verhältnisse sind geschichtlich gewachsen. Menschen haben sie im Lauf der Zeit gemacht, und was gemacht wurde, kann anders gemacht werden. Eine Beschwerde sagt, dass etwas schlecht ist; die Aussage erklärt, wie es zustande kam.

Der Gedanke hat mehrere Teile, die einander brauchen. Eine spätere Ordnung hat sie unter einem gemeinsamen Namen versammelt, den Marx selbst nicht kannte: die drei Säulen des Marxismus.

Eine Diagnose, und was daraus folgt

Die Kernaussage beschreibt, wie es zugeht und woher es kommt. Ein Rezept liefert sie damit noch nicht. Der Wetterbericht sagt, dass Regen kommt und woher; ob ich den Schirm mitnehme, ist eine zweite Entscheidung mit eigenen Gründen. Bei Marx ist die Lage ähnlich: Wo die Verhältnisse drücken und warum, das ist die Diagnose. Was man dann tut, steht auf einem anderen Blatt. Beides gehört zusammen, aber es sind zwei Schritte, und ich halte sie beim Lesen auseinander.

Was daraus folgen soll, ist die zweite Frage, und in ihr stecken Wünsche und Urteile, die in der Diagnose selbst nicht stehen. Sie betrifft, wohin der Marxismus will – und darauf antwortet Marx sparsamer, als man denkt.

Der Kern erklärt noch nicht, woher der Name Marxismus kommt oder was Spätere aus Marx gemacht haben. Solche Fragen sind eigene Fälle und haben ihren Platz in der Rubrik Marxismus verstehen, ohne Lehrbuch, wo sie jeweils für sich beantwortet werden.

Die dritte Fassung des Satzes ist kürzer als die erste und behauptet weniger: Wie Menschen ihr Auskommen erarbeiten und wem die Mittel dazu gehören, prägt, wie sie zusammenleben und was sie denken. Das reicht mir als Kern. Das Fragezeichen am Seitenrand bleibt, denn die Frage darunter ist geblieben.

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