Was ist der erste Satz des Kommunistischen Manifests? Ein Gespenst in zehn Wörtern
Ein Gespenst geht um in Europa – so beginnt das Kommunistische Manifest. Was das Bild bedeutet, wen es meint und warum es so hängen blieb.
Das Heft ist schmal, Taschenbuchformat, leicht genug, um es in einer Hand zu halten. Schlägt man es vorn auf, passt das Inhaltsverzeichnis auf eine halbe Seite: eine Einleitung ohne Überschrift und vier Kapitel mit Überschriften. Das sind die fünf Hauptteile. Aufgeschlagen sieht es nüchtern aus: enger Satz, lange Absätze, wenig Luft, und erst bei jedem Kapitelwechsel eine Pause für das Auge.
Das Kommunistische Manifest besagt vier Dinge, eines pro Kapitel. Es erzählt zuerst, wie die Geschichte bis dahin verlaufen ist und was das Bürgertum aus der Welt gemacht hat. Dann sagt es, was Kommunisten wollen. Danach rechnet es mit anderen Schriften seiner Zeit ab und hält am Ende fest, wo die Kommunisten gegenüber den übrigen Oppositionsgruppen stehen. Vier Kapitel also, in drei Tonlagen: Erzählung, Programm und Abrechnung. Das Heft ist dünn, aber nicht leicht.
Verfasst haben es Karl Marx und Friedrich Engels, im Auftrag des Bundes der Kommunisten. Erschienen ist es im Februar 1848 in London, auf Deutsch. Der ursprüngliche Titel lautete „Manifest der Kommunistischen Partei“; heute sagt fast jeder „Das Kommunistische Manifest“.
Die vier Kapitel heißen „Bourgeois und Proletarier“, „Proletarier und Kommunisten“, „Sozialistische und kommunistische Literatur“ und „Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien“. Am längsten ist die letzte Überschrift, sie klingt wie ein Behördenschreiben. Davor steht die Einleitung, kurz und ohne Zahl.
Nach dem ersten Durchgang blätterte ich zurück zur allerersten Zeile der Einleitung und saß lange über diesem ersten Satz des Manifests.
Das erste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Klassen sind für mich in diesem Satz große Gruppen, die sich durch Besitz und Arbeit unterscheiden. Bürgertum oder Bourgeoisie heißen im Text die Besitzer von Fabriken und Kapital, Proletarier die Lohnarbeiter, die außer ihrer Arbeitskraft nichts zu verkaufen haben.
Danach liest sich das Kapitel über weite Strecken fast bewundernd. Das Bürgertum hat nach diesem Kapitel den Weltmarkt geschaffen, Maschinen in Gang gesetzt, Städte wachsen lassen und alles Altehrwürdige beiseitegeschoben. Der Text beschreibt das als Leistung und lässt dem Gegner dabei sichtbar Respekt. In meinem Heft sitzt das Eselsohr genau an der Stelle, an der das Bürgertum gelobt wird. Ich habe die Seite mehrmals gelesen, weil ich kaum glauben konnte, dass ein Text, dessen Name als Schimpfwort herumgeht, so einsetzt.
Das Lob hat einen Haken, so lese ich es: Dieselbe Gesellschaft, die all das schafft, bringt auch die Arbeiter hervor, die im Kapitel zu ihrem Gegenspieler werden.
Das zweite Kapitel sagt, was Kommunisten wollen, und es sagt es knapp. Die Sätze werden kürzer, der Ton wechselt von Erzählung zu Programm. Die Forderungen sind eng an die Zeit von 1848 gebunden. Ich zähle sie hier nicht auf, sie stehen auf wenigen Seiten im Heft, und beim Lesen fällt auf, wie viel davon Zeitbild ist.
Manches klingt vertraut, anderes liest sich wie aus einem fremden Land. Zwischen den Forderungen steckt viel Alltag von damals, den man erst ahnt, wenn man weiß, wie die Gesellschaft um 1848 aussah. Ich halte mich deshalb an das, was im Heft steht, und denke nichts dazu. Was davon heute gelten soll, entscheide ich nicht für andere, das Heft selbst gibt darauf keine Antwort.
Ab hier setzt das Heft Gruppen und Schriften von damals voraus, die ein Laie nicht im Kopf hat. Kapitel drei geht Strömungen durch, die sich sozialistisch oder kommunistisch nannten, und rechnet mit ihnen ab. Kapitel vier bestimmt, wie die Kommunisten zu den oppositionellen Parteien jener Jahre stehen. Die Namen lasse ich hier weg; ich kannte sie größtenteils erst vom Nachschlagen.
Mein Zettel mit den Namen wurde in diesen Kapiteln länger statt kürzer. Ich habe ihn Name für Name abgearbeitet. Hier weiß ich es nicht: Bei vielen dieser Gruppen kann ich nicht sagen, wer genau gemeint ist und wie die Schriften zueinander standen. Was ich weiß, habe ich nachgelesen, und es bleibt Wissen aus zweiter Hand. Ich bin durch beide Kapitel mehr gestolpert als gegangen, und trotzdem blieb der Rest des Heftes verständlich. Auch ein Text, der Vorwissen verlangt, bleibt in seinen Umrissen lesbar: Man sieht, wogegen er sich richtet, auch wenn man die Gegner nicht beim Namen kennt.
Am Ende steht der bekannte Schlusssatz, allein in einer Zeile: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Danach kommt nichts mehr.
Eine ausgearbeitete Analyse fehlt. Das Manifest behauptet, wie die bürgerliche Gesellschaft funktioniert und wohin sie treibt, aber es rechnet es nicht vor. Die Durchführung kommt später: „Das Kapital“, Band 1, erschien 1867, fast zwei Jahrzehnte nach dem Heft. Dort wird aus der Behauptung ein langer, zäher Gedankengang. Wie sich dieser Weg liest, sammle ich in der Rubrik Das Kapital lesen.
Das Heft ist ein Anfang und eine Ankündigung. Die ganze Lehre steht woanders, und was sich um das Heft selbst und um die Idee des Kommunismus an Fragen anlagert, nehme ich Stück für Stück in der Rubrik Manifest und Kommunismus auseinander.
Ich würde das Heft in einem Zug von der ersten bis zur letzten Zeile lesen, auch wenn man in den Kapiteln drei und vier stolpert, und die fremden Namen erst danach nachschlagen, weil sich die drei Tonlagen nur im Ganzen hören lassen.