Was versteht man unter der Frankfurter Schule?
Die Frankfurter Schule war nie eine Schule mit Lehrplan, sondern ein Kreis um ein Institut. Was dahintersteckt, erklärt ein Laie aus Frankfurt.
Auf dem Titelblatt meines zerlesenen Kapital-Bandes steht oben der große Titel, „Das Kapital“. Darunter, in kleiner Schrift, folgt ein Zusatz: „Kritik der politischen Ökonomie“. Ich habe diesen Untertitel lange überlesen, so wie man ein Wort überliest, das man zu kennen glaubt. Irgendwann habe ich mit dem Bleistift einen Strich unter „Kritik“ gezogen, und das Blatt sah danach anders aus.
Die Kritische Theorie lässt sich in drei Sätzen sagen. Sie prüft, was alle für selbstverständlich halten, statt es hinzunehmen. Sie denkt sich selbst mit, weil sie weiß, dass sie in der Gesellschaft steht, die sie untersucht. Und sie hält Veränderung für möglich, ohne ein fertiges Rezept zu liefern.
Mit großem K meint man eine Denkrichtung, die Frankfurter Schule. Kleingeschrieben ist „kritische Theorie“ zunächst nur eine Haltung, und die lässt sich auch ohne die ganze Schule begreifen.
Im Alltag klingt Kritik nach Nörgeln. Ein Kritiker hat etwas auszusetzen, und meistens hört man den Ton schon, bevor man den Inhalt kennt. Das Wort kommt aber aus dem Griechischen und geht auf ein Verb zurück, das unterscheiden und beurteilen bedeutet. Ein Kritiker war ursprünglich jemand, der ein Urteil fällen kann, weil er genau hingesehen hat.
Das bekannteste Beispiel ist Kants „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781. Das Buch prüft, was die Vernunft leisten kann, und steckt ihre Grenzen ab. Kritik heißt dort: ein Werkzeug auf Belastung testen.
Genau so verstehe ich das Wort in der Kritischen Theorie. Die Leitfrage lautet: Woher kommt, was alle für selbstverständlich halten – und muss es so bleiben? Gefragt wird nach der Herkunft des Gewohnten und nach seinen Alternativen, und geprüft wird beides mit offenen Augen.
Auf dem Zettel, der zwischen den Seiten meines Kapital-Bandes steckt, steht die Frage, was „kritisch“ hier eigentlich meint. Dahinter drei Fragezeichen. Ich habe ihn geschrieben, als der Strich unter dem Wort mir plötzlich zu wenig erklärte.
Max Horkheimer stellt 1937 in dem Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“, erschienen in der Zeitschrift des Frankfurter Kreises, zwei Arten des Denkens gegenüber. Die traditionelle Theorie sammelt Beobachtungen, ordnet sie und erklärt, wie etwas zusammenhängt. Sie betrachtet ihren Gegenstand, als stünde er hinter Glas. Die kritische Theorie weiß dagegen, dass auch ihr Gegenstand, die Gesellschaft, von Menschen eingerichtet wurde und sich ändern lässt. Sie will mithelfen, dass die Verhältnisse vernünftiger werden. Wie genau, steht nirgends als Bauplan darin.
Ob die Trennung so scharf ist, wie Horkheimer sie zieht, weiß ich nicht. Auch das reine Beschreiben hat Folgen, und die kritische Theorie kommt ohne gutes Beschreiben nicht aus. Aber als Unterscheidung hilft sie mir: Die eine Theorie fragt, wie etwas ist, die andere zusätzlich, ob es so sein muss.
Mit dieser Haltung im Gepäck lässt sich die Frankfurter Schule als Ganzes lesen, nämlich als Versuch, die Frage „Muss das so sein?“ an verschiedenen Gegenständen auszuprobieren und zu sehen, wie unterschiedliche Autoren sie angewendet haben.
Von außen zuzuschauen ist bequem. Die traditionelle Theorie beschreibt die Gesellschaft wie ein Gelände, durch das sie nur hindurchgeht. Eine kritische Theorie dagegen weiß, dass sie selbst zu diesem Gelände gehört. Die Menschen, die sie entwerfen, leben in dieser Gesellschaft, sprechen ihre Sprache und haben ihre Gewohnheiten übernommen. Also muss die Prüfung vor dem eigenen Denken nicht haltmachen.
Das ist unbequem, und ich halte es für den eigentlich anspruchsvollen Teil. Es reicht nicht, Missstände anderswo zu finden. Wer die Gesellschaft untersucht, muss auch fragen, welche Selbstverständlichkeiten er selbst mitgebracht hat.
Wie das auf einem konkreten Feld aussieht, zeigt Adornos Blick auf die Unterhaltungsindustrie. Er untersucht sie als jemand, der selbst zu dieser Gesellschaft gehört und sich nicht herausnimmt. Was er dabei findet, steht in Adornos Kritische Theorie einfach erklärt. An diesem Beispiel lässt sich sehen, wie eine Theorie arbeitet, die sich selbst mitdenkt.
Das Vorbild ist Marx. „Kritik der politischen Ökonomie“ lautet der Untertitel von „Das Kapital“, und wie ich dieses Buch lese, halte ich in meinen Notizen zum Kapital fest.
Marx nimmt dort die Wirtschaftslehre seiner Zeit und prüft ihre Begriffe. Ware, Geld und Kapital erscheinen in ihr wie Naturgegebenheiten, so selbstverständlich wie das Wetter. Er fragt, wie sie entstanden sind und was sie verdecken. Das ist Kritik im Sinne Kants: eine Prüfung, die zeigt, woher etwas kommt und wie weit es trägt.
Die Frankfurter Schule überträgt diese Haltung auf andere Felder. Was Marx an der Wirtschaft versucht hatte, probiert sie an Kultur, Familie und Wissenschaft aus. Auch dort gibt es Dinge, die allen natürlich vorkommen und doch gemacht sind. Die Methode bleibt dieselbe: genau hinsehen, fragen, wie es dazu kam, und offenhalten, dass es anders gehen könnte.
Heute könnte ich auf den Zettel drei Sätze schreiben: prüfen, sich selbst mitdenken, Veränderung für möglich halten. Die drei Fragezeichen lasse ich trotzdem stehen, sie gehören zur Haltung dazu. Eine kritische Theorie, die keine Fragen mehr hätte, wäre ja wieder eine, die nur beschreibt.
Auf dem Titelblatt liegt der Bleistiftstrich nach wie vor unter „Kritik“. Das Wort, das ich einmal überlesen habe, ist inzwischen das erste, das ich dort lese.