Was ist ein berühmter Spruch von Karl Marx? Zwei Sätze und ihre Herkunft
Welche Sprüche von Karl Marx man kennt, in welchem Text sie stehen und was beim Zitieren verloren geht: Notizen eines Lesers, kein Lexikon.
Auf den Fotos fällt zuerst die Wand auf, groß beschriftet. Davor, auf einem breiten Sockel, steht ein Kopf aus Bronze, und er ist größer als jeder Mensch, der sich davor stellt. Die Leute auf den Bildern wirken wie Besucher, die sich brav für das Foto aufgestellt haben. Die Bronze hat Patina, das ist die Schicht, die Metall mit den Jahren ansetzt, und am Sockel laufen Regenspuren nach unten. Der Kopf zeigt Karl Marx und steht in Chemnitz.
Die Chemnitzer nennen ihn „Nischel“, das sächsische Wort für Kopf. Ein Spitzname statt eines Titels. Damit ist die Frage schon beantwortet: Die bekanntesten Marx-Denkmäler stehen in Chemnitz, Berlin, Trier und Moskau, und in London trägt sein Grab eine Büste. Das ist eine Auswahl und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wie viele Figuren es darüber hinaus gibt, weiß ich nicht. Ich war an keinem dieser Orte. Ich kenne sie von Fotos und aus Büchern.
Die Orte stehen bei mir auf einem Zettel, geschrieben an einem freien Tag am Küchentisch, mit einem Stift, der eigentlich für die Einkaufsliste da ist. Fünf Zeilen. Die Liste ist ein Stadtplan im Kleinen, jede Zeile ein Ort. Neben jede Zeile schreibe ich, was über ihn bekannt ist, und wo ich bei einem Jahr nicht sicher bin, bleibt die Stelle leer.
Das Karl-Marx-Monument, so heißt das große Denkmal offiziell, wurde 1971 eingeweiht. Die Stadt hieß damals Karl-Marx-Stadt, und zwar von 1953 bis 1990. Seit 1990 heißt sie wieder Chemnitz, und der Kopf steht weiterhin dort.
Ein Gesicht mit hoher Stirn und Bart, so, wie man Marx von Bildern kennt, nur eben in Bronze und im Riesenformat. Wer den Kopf fotografiert, braucht einen Menschen daneben, sonst weiß man nicht, wie groß er ist. Das ist die Aufgabe der Leute auf diesen Bildern: Sie sind der Maßstab.
Hinter dem Kopf trägt die Wand eine Inschrift in mehreren Sprachen, in Buchstaben, die auf den Fotos gut zu erkennen sind. Das Bild hat damit drei Teile: Kopf, Sockel, Schrift.
In Berlin-Mitte steht das Marx-Engels-Denkmal, 1986 eingeweiht. Es gehört zum Marx-Engels-Forum, und ein Forum war im alten Rom der Platz, auf dem man zusammenkam. Marx sitzt, Engels steht. Ob das etwas bedeuten soll, lasse ich offen.
Dort wird Marx als Paar gezeigt. Wo in Chemnitz ein einzelner Kopf den Raum füllt, teilen sich hier zwei Figuren den Platz. Auf Fotos geht es mir so, dass der Blick vom Sitzenden zum Stehenden wandert und zurück, als müsste er sich erst entscheiden. Bei einem einzelnen Kopf entfällt diese Mühe. Das passt zu den Büchern, denn das Kommunistische Manifest haben die beiden gemeinsam verfasst, ein dünnes Heft, mit dem ich angefangen habe, weil es kurz ist.
Trier ist die Stadt, in der Marx 1818 geboren wurde. Die Statue dort wurde 2018 zum 200. Geburtstag aufgestellt, ein Geschenk aus China. Sie ist die jüngste im Reigen, und mehr als diese Angaben brauche ich für den Zettel nicht.
In Moskau steht das Karl-Marx-Denkmal am Theaterplatz, aufgestellt 1961. In London liegt das Grab auf dem Highgate-Friedhof, und die Büste dort stammt von 1956. Die Karte reicht also von einer Hauptstadt im Osten bis zu einem Friedhof im Westen. Denkmäler sind nur eine der Formen, in denen Marx im öffentlichen Raum bleibt; daneben gibt es Sätze und Zeichen, die unter Marx im Bild zusammenstehen. Moskau und London bekommen auf dem Zettel je eine Zeile mit Ort und Jahr; mehr trage ich für beide nicht ein. Mein Zettel hat fünf Zeilen, und am Rand ist noch Platz.
Eine Statue zeigt, wie jemand gesehen werden soll. Chemnitz zeigt Marx groß, Berlin zu zweit, Trier in der Stadt, in der er geboren wurde. Das sind drei Blicke auf ihn, und jeder Blick wählt aus.
Was Marx geschrieben hat, steht nicht auf dem Sockel. Dafür muss man lesen. Ein Sockel hat Platz für einen Namen, eine Jahreszahl und ein paar Zeilen. Ein Buch hat Kapitel, Fußnoten und Vorworte, und erst in diesem Gewirr zeigt sich, was gemeint war.
Neben solchen Figuren steht auf Sockel oder Mauer oft ein einzelner Satz. Eine Inschrift wie die in Chemnitz nennt diesen Satz und lässt alles weg, was ihn umgibt. Woher er stammt, sieht man ihm nicht an, und was im Text davor und danach steht, auch nicht. Bei zwei berühmten Marx-Sprüchen lässt sich die Herkunft nachschlagen, und es ist weniger Arbeit, als man denkt.
Am Küchentisch habe ich die Liste noch einmal angesehen und die Probe gemacht, die ich bei allem mache, was ich aufschreiben will: Ich fasse das Verstandene in drei Sätzen zusammen. Die Probe ging schnell, weil die Zeilen auf dem Zettel schon fast die drei Sätze waren. Fünf Orte reichen für diese Probe; mehr Zeilen hätten sie nur länger gemacht.
Noch einmal zum Kopf in Chemnitz. Auf allen Fotos, die ich kenne, steht ein Mensch klein davor, und der Kopf bleibt größer als er. Die Patina liegt auf der Bronze, der Sockel trägt, und die Leute gehen weiter.