Was ist die Kernaussage von Karl Marx? Eine Frage unter allen Sätzen
Was ist die Kernaussage von Karl Marx? Ein Laie sucht den einen Gedanken unter den vielen Seiten und sagt auch, wo er unsicher ist.
Ein Kollege im Aufenthaltsraum möchte wissen, was Marxismus eigentlich ist, und zwar so, dass es in eine Kaffeepause passt. Normalerweise geht es dort um Fußball und den nächsten Dienstplantausch, dazu läuft die Kaffeemaschine. Irgendwann kommt die Frage, was ich da eigentlich ständig lese. „Marx“ als Antwort reicht nicht, das merke ich beim Aussprechen selbst.
Die kurze Fassung: Marxismus ist der Sammelname für Lehren, die sich auf Karl Marx und Friedrich Engels berufen. Engels war der Mitstreiter von Marx und hat mit ihm das „Kommunistische Manifest“ geschrieben. Der Marxismus ist also eine Denktradition, ein Feld mit mehreren Wegen. Zuerst lohnt ein Blick auf das Wort, denn es ist jünger als die Sache.
Die Endung -ismus verrät einiges. Sie hängt sich an einen Namen und bezeichnet eine Richtung, die sich auf ihn beruft, und solche Wörter kommen fast immer hinterher. So auch hier. Das „Kommunistische Manifest“ (1848) und der erste Band des „Kapital“ (1867) erschienen, bevor sich das Wort Marxismus durchgesetzt hatte. Das Wort entstand später, im Streit zwischen Anhängern und Gegnern, und beide Seiten haben es benutzt, die einen als Ehrentitel, die anderen als Etikett zum Abwinken. Von wem es stammt und in welchem Jahr, weiß ich nicht; ich lasse es offen, statt zu raten. Bei Denkrichtungen läuft es oft so: Erst gibt es Bücher und Streit, dann bekommt das Ganze einen Namen, den der Namensgeber vielleicht nie gewählt hätte.
Dazu passt eine Überlieferung. Wie es heißt, soll Marx nach Briefen von Engels einmal gesagt haben, er selbst sei kein Marxist. Ich gebe das als Überlieferung weiter und lege ihm keine Worte in den Mund. Als Leser deute ich es so: Der Name kam von außen. Der Mann und die Richtung, die sich nach ihm benannte, sind zwei Dinge.
Marx hat Texte hinterlassen. Marxismus ist das, was spätere Leser und Gegner daraus gemacht haben, und dazwischen liegt viel Zeit. In dieser Zeit wurde gedeutet und gekürzt, manchmal mit großer Sorgfalt, manchmal im Dienst des Streits von gestern. Wer „Marxismus“ sagt, kann deshalb Marx meinen, Engels oder spätere Lehren, und am Wort allein erkennt man nicht, welches davon.
Meint jemand Marx, geht es um dessen eigene Schriften, etwa das Manifest oder das „Kapital“. Bei Engels kommen seine Texte und Briefe dazu, die Gedanken von Marx erläutern. Spätere Lehren schließlich sind Gebäude, die andere nach beiden errichtet haben, mit eigenen Fragen und eigenen Antworten. Im Alltag laufen alle drei unter demselben Wort.
Wenn es in einem Gespräch fällt, lohnt die Rückfrage, welche dieser Bedeutungen gemeint ist. Die Antwort ändert oft das ganze Gespräch.
Diese Rubrik besteht aus Antworten auf einzelne Fragen, eine pro Text, jede kurz gehalten. Einen Überblick über alle gibt die Seite Marxismus verstehen, ohne Lehrbuch; sie funktioniert wie ein Inhaltsverzeichnis, mit dem Sie sich die Reihenfolge selbst aussuchen.
So würde ich es dem Kollegen sagen. Lässt sich eine Antwort nicht in drei Sätzen fassen, schreibe ich sie gar nicht erst auf.
Erstens: Marxismus fragt von der Arbeit her nach der Gesellschaft. Er setzt bei dem an, was Menschen tun, um zu leben, und fragt von dort aus, wie alles andere darum herum gebaut ist.
Zweitens: Er versteht sich als Beschreibung und zugleich als Streit um Veränderung. Er will sagen, wie die Dinge liegen, und behauptet im selben Atemzug, dass sie sich anders einrichten ließen. Darüber wird gestritten, und zwar bis heute. Beschreibung heißt hier: Es wird erklärt, wie Arbeit, Besitz und Verteilung zusammenhängen. Der Streit beginnt dort, wo daraus Folgerungen gezogen werden.
Drittens: Er ist in Schichten gewachsen. Erst kamen Marx und Engels, dann Leser, die weiterführten, und andere, die widersprachen. Was heute unter dem Namen läuft, ist ein Stapel mit vielen Lagen, an dem viele Hände gearbeitet haben.
Beim Aufschreiben fiel mir auf, dass der erste Satz am meisten trägt und am wenigsten erklärt. Also habe ich mich daran gemacht, bei Marx selbst nachzusehen, worauf Marx hinauswollte. Die Antwort fällt anders aus als ein Schlagwort, und sie ist kürzer, als ich dachte.
Die drei Sätze sind eine Landkarte. Auf ihr sieht man, wo die Orte liegen und wie sie zusammenhängen; das Gelände ersetzt sie nicht. Wie steil ein Anstieg ist und an welcher Stelle der Weg matschig wird, merkt man erst beim Gehen. Eine Karte hilft trotzdem, den Weg zu finden: Weiß man, in welcher Gegend man steht, merkt man schneller, wenn ein Text von etwas ganz anderem redet.
Woraus der Marxismus besteht, wohin er will und wo man ihn politisch einordnet, sind weitere Fragen mit je eigener Antwort. Ein Zweig der Karte hat außerdem einen eigenen Namen: Marxismus-Leninismus ist eine Abzweigung mit eigener Geschichte, und die verdient mehr als einen Nebensatz. Sie steht in Marxismus-Leninismus als Geschichte für sich.
Ein Schritt bleibt, und er ist klein: Sagen Sie die drei Sätze beim nächsten Kaffee jemandem in eigenen Worten vor, ohne Zettel. Die Stelle, an der Sie stocken, zeigt Ihnen, welcher Teil der Karte bei Ihnen noch leer ist.