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Die Bahn steht in der Schleife am Streckenende. Die Türen sind zu, draußen wartet niemand, im Wagen ist es still. Neben der Thermoskanne liegt ein Taschenbuch, dessen Ränder voller Bleistiftstriche sind, zwischen den Seiten stecken Zettel. Die Pause ist kurz. Es reicht für eine Seite, manchmal für zwei.

Gerade lese ich einen Abschnitt aus dem „Kapital“, dem Hauptwerk von Karl Marx, in dem er die kapitalistische Wirtschaftsweise, also das Erzeugen von Waren für den Markt mit bezahlter Arbeit, auseinandernimmt und mit der Ware beginnt. Ich streiche einen Satz an, lese ihn noch einmal und setze ein Fragezeichen an den Rand. Dann schaue ich auf die Uhr.

Mein Name ist Daniel Schäfer. Beruflich fahre ich Straßenbahn, mal im Frühdienst, mal im Spätdienst, dazu an Wochenenden. Marx lese ich seit vielen Jahren, als Laie und aus Neugier. Einen Titel oder Lehrstuhl habe ich dafür nicht, ein Parteibuch auch nicht, nur Lesezeit.

Nachgelesen

Angefangen hat es mit einem Ärgernis. Der Name Marx fällt überall, als Schimpfwort und als Heiligenbild, und ich merkte eines Tages, dass ich keinen dieser Sätze belegen konnte. Weder die Verdammung noch die Verehrung. Also habe ich nachgelesen, was dort steht.

Begonnen habe ich mit dem „Kommunistischen Manifest“, einer kurzen Streitschrift von Marx und Friedrich Engels, einfach weil es kurz ist. Danach kam „Das Kapital“. Den ersten Band habe ich erst im dritten Anlauf zu Ende gebracht. Die Bände 2 und 3 kenne ich nur in Teilen, von einzelnen Stellen her.

Gelesen wird langsam und mit Umwegen. Frankfurt ist dabei mein Arbeitsplatz und mein Leseort. Hier sitzen die Banken, und hier ist die Kritische Theorie zu Hause, eine Denkrichtung, die Marx mit Philosophie und Sozialforschung weiterdachte. Im Dienst sehe ich die Stadt von der Strecke aus. An freien Tagen laufe ich sie zu Fuß ab, schaue mir Häuser und Plätze an und gehe nicht hinein.

Die Drei-Sätze-Probe

Was ich verstanden zu haben glaube, sage ich mir zuerst in drei Sätzen. So, wie ich es einem Kollegen in der Pause erklären würde, mit Kaffee und ohne Fußnoten. Klappt das, schreibe ich es auf. Klappt es nicht, habe ich die Sache selbst noch nicht verstanden, und dann steht im Text, dass die Stelle offen bleibt.

Jeden Begriff erkläre ich in dem Satz, in dem er zum ersten Mal vorkommt. Fällt ein Fachbegriff, soll man nicht drei Seiten weiter erfahren, was damit gemeint ist.

Was hier fehlt

Aufrufe finden Sie hier keine, auch keine Parteinahme und keine Urteile über heutige Parteien oder Politiker. Marxismus ist für mich Ideengeschichte: was geschrieben wurde und wie es gemeint war.

Ich bin weder Marxist noch Antikommunist. Ich bin Leser. Mir geht es ums Verstehen und Erklären, überzeugen muss ich niemanden.

Draußen kommen die ersten Fahrgäste an die Haltestelle. Ich schraube die Thermoskanne zu und stecke den Bleistift zwischen die Seiten. Die Türen gehen auf, und das Taschenbuch bleibt liegen, bis die Bahn das nächste Mal steht.