Wie kann man das marxsche Kapital lesen? Eine Portion nach der anderen
Wie liest man Marx’ Kapital, wenn der Dienstplan wackelt? Kleine Portionen, Bleistift, Zettel – was bei einem Laien im dritten Anlauf half.
Zwei Fahrten, dazwischen ein paar Minuten in der Wendeschleife. Mein Daumen steckt im Taschenbuch, bei einem Absatz aus dem ersten Kapitel, den ich zum dritten Mal lese. Die Thermoskanne dampft, der Absatz bleibt kalt. Als die Pause zu Ende geht, weiß ich nicht mehr als vorher.
Das hat Gründe, und sie liegen im Buch. Das Kapital ist eine nüchterne Untersuchung. Es beginnt mit einem abstrakten Begriff, benutzt bekannte Wörter in eigener Bedeutung und streitet mit Gelehrten, deren Fragen heute kaum jemand kennt. Jeder dieser Punkte kostet Lesezeit. Zusammen erklären sie, warum man an einem einzigen Absatz hängen bleiben kann.
Die falsche Erwartung kommt oft vom Kommunistischen Manifest. Das Manifest von 1848 ist kurz und zugespitzt, man liest es an einem Nachmittag. Schlägt man danach Das Kapital auf, rechnet man mit demselben Ton. Er kommt nicht. Der erste Band erschien 1867 und trägt den Untertitel „Kritik der politischen Ökonomie“; er geht schrittweise vor, setzt einen Begriff, prüft ihn, geht weiter.
Ich habe selbst mit dem kurzen Manifest angefangen, weil es kurz ist, und bin mit dieser Erwartung in den ersten Band gegangen. Das Heft hatte mich auf Tempo eingestellt. Im Kapital fand ich eine Untersuchung, die sich Zeit nimmt und dem Leser nichts abkürzt. Lässt man einen Schritt aus, fehlt dem nächsten der Boden.
Man erwartet Fabriken, Arbeiter, Elend. Das Buch beginnt mit der Ware. Ware heißt: ein Ding, das hergestellt wird, um verkauft zu werden. Dass eine Untersuchung der Wirtschaft beim Ding auf dem Markt ansetzt, ist folgerichtig. Beim Lesen fühlt es sich trotzdem wie ein Umweg an, weil man die Fabrik schon vor Augen hat. Das erste Kapitel trägt den Namen der Ware, und das bekannteste Beispiel des Buches ist ein Rock und ein Stück Leinwand. Eine Fabrikhalle kommt darin nicht vor.
Schwer ist daran weniger der einzelne Satz als die Richtung. Man weiß nicht, wohin das führt, warum ein Rock mit Leinwand verglichen wird und was das mit einem Betrieb zu tun haben soll. Marx sagt an dieser Stelle nicht, wohin die Reise geht. Die Antwort kommt später. Dazwischen liegen Seiten, auf denen jeder Schritt für sich stimmig wirkt und doch kein Ganzes ergibt. Man liest mit, nickt und hat nach einer Weile das Gefühl, nichts in der Hand zu halten.
Später wird das Buch anschaulicher. Im selben Band stehen das Kapitel über den Arbeitstag und das über Maschinerie und große Industrie; dort sind Betrieb, Maschine und Arbeiter vor Augen, und die Sprache folgt ihnen. Die Beispiele sind handfest, und worum es geht, steht dort offen auf dem Tisch. So habe ich es beim Lesen erlebt. Wissen Sie das vorher, lesen Sie den Anfang als Wegstück.
Die zweite Hürde sitzt in den Wörtern. Marx benutzt Kapital, Wert und Arbeit, Wörter aus jedem Wirtschaftsteil der Zeitung, aber er fasst sie genau und gibt ihnen eine eigene Bedeutung. Arbeit etwa kennt jeder aus dem eigenen Alltag, und gerade deshalb liest man darüber hinweg. Liest man die Wörter im Alltagssinn, versteht man den nächsten Satz nicht. Bei mir hakte es genau dort: an einem Wort, das ich im Alltagssinn gelesen hatte.
Nehmen Sie Wert. Im Alltag ist das, was etwas kostet oder was es mir bedeutet. Bei Marx ist der Wert einer Ware, grob gesagt, die Arbeit, die gesellschaftlich im Durchschnitt nötig ist, um sie herzustellen. Das ist ein Maß hinter dem Preis, den man im Laden liest. So verstehe ich es, in einem Satz und mit Lücken; ob man der Überlegung am Ende folgt, ist eine zweite Frage. Zuerst muss man sehen, dass das Wort so gemeint ist. Mit Kapital und Arbeit geht es ähnlich, und was Einsteiger sonst noch umtreibt, ist in der Rubrik zum Lesen des Kapitals beisammen.
Der Untertitel verrät die dritte Hürde. Politische Ökonomie hieß im 19. Jahrhundert die Wirtschaftswissenschaft, und ihre großen Namen waren Adam Smith und David Ricardo. Marx zitiert beide häufig, mal stützt er sich auf sie, mal widerspricht er. Er streitet mit dieser Schule und setzt voraus, dass man ihre Fragen ahnt. Das macht das Buch schwerer. Man hört die eine Hälfte eines Gesprächs und muss die andere erraten. Ohne diesen Hintergrund liest sich mancher Seitenhieb wie ein Rätsel, und man übersieht, dass hier jemand auf eine Frage antwortet, die vor ihm schon gestellt wurde.
Zweimal habe ich das Buch beiseitegelegt, beim dritten Versuch kam ich durch den ersten Band. Das sagt über das Buch und über mich nichts Schlechtes. Es zeigt, wie viel Anlauf ein solcher Text verlangt.
Geändert habe ich dabei meine Art zu lesen, und so lese ich seither das Kapital in Stücken. Der Text blieb, wie er war. Gewandelt hat sich meine Erwartung an eine einzelne Sitzung, sie ist bescheidener geworden und trägt dadurch weiter.
Am Rand der Seite stehen jetzt drei kleine Fragezeichen, mit Bleistift gesetzt, genau zwischen der Leinwand und dem Rock. Dort dürfen sie bleiben, bis ich wiederkomme.