Zum Inhalt springen
remarx.de
Menü

Daniel Schäfer

Unter einem Ausgewiesenen stellt man sich jemanden mit Barrikade und Pulverdampf vor. Bei Marx sieht das Bild anders aus: ein Schreibtisch, eine Redaktion, Druckerschwärze an den Fingern. Beide Bilder passen nicht zusammen, bis man nachliest.

Die kurze Antwort lautet: Marx wurde ausgewiesen, weil er Zeitungen leitete, die den Behörden zu weit gingen. Als Redakteur, also als jemand, der mitentscheidet, was in einer Zeitung steht, war er für sie untragbar geworden. Es waren die preußischen Behörden, die ihn des Landes verwiesen, und auch aus Frankreich wurde er ausgewiesen. Von einem Anschlag oder einem Aufstand, den man ihm vorgeworfen hätte, ist in dem, was ich gelesen habe, nirgends die Rede. Es geht um Zeitungsarbeit.

Ein Land, das es so noch nicht gab

Schon das Wort „Deutschland“ trägt in dieser Frage mehr, als es tragen kann. Einen einheitlichen deutschen Staat gab es damals nicht. Es gab den Deutschen Bund, einen losen Zusammenschluss vieler Länder, und darunter Preußen als eines der größten. Wer „aus Deutschland“ sagt, sagt deshalb zu viel und zu wenig auf einmal: zu viel, weil kein gemeinsamer Staat dastand, der jemanden hätte hinauswerfen können, und zu wenig, weil gerade ein bestimmtes Land, Preußen, den Ausschlag gab.

Am Streckenende, wenn die Bahn steht und die Thermoskanne neben dem Taschenbuch liegt, kommt mir das Wort „Deutschland“ ganz selbstverständlich vor. Damals war es das nicht. In Frankfurt steht die Paulskirche, und dort tagte in den Revolutionsjahren, Stichwort „Revolution von 1848“, die erste deutsche Nationalversammlung, ein Parlament für das ganze Gebiet, das es als Staat erst geben sollte. Marx saß dort nicht, mit seiner Ausweisung hat das Gebäude nichts zu tun. Mir zeigt es nur eines: „Deutschland“ war damals ein Vorhaben, das erst noch Gestalt annehmen sollte. Was in dieser Zeit mit einem Einzelnen geschah, geschah in einem Flickenteppich aus Ländern mit eigenen Behörden. Wo jemand schrieb, wo gedruckt wurde und wer gerade zuständig war, machte deshalb einen Unterschied, und wer die Grenze eines Landes überschritt, kam an eine andere Behörde.

Eine Zeitung wird zum Problem

Marx war Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ in Köln. Die Zensur, also die behördliche Prüfung dessen, was gedruckt werden darf, lag damals auf jeder Zeile, und er schrieb selbst gegen sie an. Die Zeitung wurde verboten. Ein Verbot trifft zuerst das Blatt, und der Mann, der es leitet, steht danach ohne Arbeitsplatz da. Man muss sich dazu nichts Dramatisches ausdenken: Eine Behörde liest mit, ihr missfällt, was sie liest, und irgendwann liegt die Druckerei still. Dass ein Redakteur, der gegen die Zensur schreibt, ausgerechnet von ihr eingeholt wird, hat eine gewisse trockene Logik.

Zur Rolle eines Redakteurs gehört, auszuwählen, zu kürzen und zu verantworten, was am nächsten Morgen gedruckt dasteht. Damit ist er angreifbarer als ein Autor, der nur einen einzelnen Text liefert, denn sein Name steht für die ganze Zeitung. Das ist meine Deutung, belegen kann ich sie nicht, aber sie erklärt, warum gerade der Redakteur ins Visier geriet.

In den Revolutionsjahren gab er in Köln die „Neue Rheinische Zeitung“ heraus, und nachdem sie erschienen war, wurde er aus Preußen ausgewiesen. Worin seine tägliche Arbeit bestand, steht in meinem Text über seinen Beruf. Hier interessiert der Grund für die Ausweisung, und der liegt in der Redaktion.

Von Stadt zu Stadt

Köln, Paris, Brüssel, London. Mehr als diese Namen brauche ich nicht, und eine Chronologie lasse ich bewusst weg. Wichtig ist das Muster: Sein Arbeitsplatz wanderte mit den Verboten. Wo eine Zeitung geschlossen wurde, ging er dorthin, wo er weiterschreiben konnte, und wo er weiterschrieb, wurde es irgendwann wieder eng.

Preußen wies ihn aus, Frankreich ebenfalls, und England ist in dieser Aufzählung das Land, in dem er schließlich blieb. In jeder dieser Städte galten andere Gepflogenheiten, und wer dort schreiben wollte, musste sich erst einmal zurechtfinden. Dass er trotz der Verbote weiterschrieb, sagt mehr über seine Arbeitsweise als jede Beschreibung seiner Ansichten. Eine Ausweisung verlegte seine Arbeit an einen anderen Ort: Ein Land schloss die Tür, ein anderes ließ ihn herein, und die Feder lag am nächsten Tag wieder auf dem Tisch. Wie so ein Abschied im Einzelnen ablief, erzähle ich nicht, ich kenne nur die Stationen.

Welche Rechtsgründe die Behörden im Einzelnen nannten, weiß ich nicht. Ich lasse sie weg und erzähle, was jeder nachlesen kann.

Was die Fremde seiner Arbeit gab

In London blieb er schließlich. Dort arbeitete er im Lesesaal einer großen Bibliothek, des Britischen Museums, und dort entstand der Stoff für „Das Kapital“. Niemand hatte das geplant, am wenigsten die Behörden, die ihn losgeworden waren. Eine Redaktion verlangt, dass man bis zum Abend einen Text fertig hat. Ein Lesesaal verlangt nichts, er stellt nur Bücher hin und lässt einen sitzen. Für eine Arbeit, die Jahre dauert und sich nicht in Tagesfristen pressen lässt, ist das ein brauchbarer Ort. Die Fremde gab ihm damit einen Raum voller Bücher und ohne Redaktionsschluss, und das ist mehr, als man von einer Ausweisung erwartet. Auf wen er sich dort und anderswo stützte, lässt sich bei den Einflüssen auf Marx nachlesen.

Die übrigen Fragen zu Person und Arbeit, auf die ich eine Antwort suche, sammle ich in der Rubrik Karl Marx: Person und Werk. Die Zeitungen wurden verboten, das Buch aus dem Lesesaal wird bis heute gelesen und bestritten. Dazwischen liegt ein Grenzübergang, und ich sehe nur, dass er stattgefunden hat.

Mehr aus der Rubrik

Zur Rubrik