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Daniel Schäfer

Der Dienstplan hängt aus. Er sagt, was geschehen wird: wer wann wohin fährt und wer wen ablöst. Ein Manifest hängt auch aus, sagt aber etwas anderes, nämlich was jemand will. Zwei Blätter an derselben Wand, und jedes erhebt einen ganz anderen Anspruch.

Damit ist die Antwort schon fast gegeben. Ein Manifest ist eine öffentliche Ansage: Jemand sagt laut, was er will und wogegen er ist. Es richtet sich an Leute, die zuhören sollen, und es wartet auf keine Genehmigung. Ein Bericht hält fest, was war. Der Vertrag bindet zwei Seiten an ein Versprechen. Ein Manifest bindet niemanden, es legt eine Haltung auf den Tisch und überlässt den Lesern, was sie damit anfangen.

Ein Wort aus dem Lateinischen

Das Wort geht auf das lateinische manifestus zurück, „handgreiflich, offenkundig“. Gemeint ist etwas, das so deutlich daliegt, dass man es mit der Hand greifen könnte. Ursprünglich war ein Manifest die öffentliche Verlautbarung eines Herrschers oder einer Regierung, später nannten auch Gruppen ihre Programmschriften so.

Der alte Sinn steckt noch in der Sache. Ein Manifest macht sichtbar, was vorher nur gedacht wurde, im Kopf eines Einzelnen oder im Gespräch eines kleinen Kreises. Sobald es gedruckt oder angeschlagen ist, lässt sich darüber streiten. Dass Gruppen das Wort für sich nahmen, ist für mich ein Seitenwechsel: Aus der Verlautbarung von oben wurde die Ansage einer Gruppe, die erst noch gehört werden will.

Plan, Vertrag, Manifest

Den Unterschied zum Plan habe ich an meinem Dienstplan begriffen. Nach diesem Blatt richtet sich mein Tag, vom Aufstehen bis zur letzten Fahrt, und was darauf steht, gilt so lange, bis ein neues Blatt aushängt. Aber der Plan lässt sich abhaken. Dienst gefahren, Haken dran, nächste Zeile.

Ein Plan sagt, was geschieht. Ein Manifest sagt, was gelten soll. Abhaken lässt es sich deshalb nie. Man kann nur prüfen, ob seine Behauptungen stimmen: Ist der Gegner so, wie das Papier ihn zeichnet? Gibt es die Lage, von der es spricht? Das ist eine Frage an den Text und lässt sich nicht auf einer Liste erledigen.

Der Vertrag steht wieder anders da. Er hat Parteien und Pflichten, jeder weiß, was er unterschrieben hat. Ein Manifest hat Leser. Ob sie ihm folgen, entscheidet sich erst nach dem Aushang. Darum wirkt ein Manifest oft, als hinge es gerade erst an der Wand: Die Tinte ist noch feucht, und der Streit darüber hat noch nicht begonnen.

Woran man es erkennt

Vier Züge kehren fast immer wieder. Der erste ist die Wir-Stimme. Das Wort „wir“ am Satzanfang macht aus einer Handvoll Schreibender eine Gruppe, die spricht, und die Leser merken sofort, ob sie dazugehören oder zuhören. Der zweite Zug ist die Kürze, meistens jedenfalls. Viele Manifeste passen auf einen Aushang oder in eine Zeitungsspalte, und ausführlich begründen lässt sich auf so wenig Raum kaum etwas.

Der dritte Zug ist der Gegner. Er wird im Text mitgenannt, oft schon auf den ersten Zeilen, denn wer sagt, was er will, sagt damit auch, wogegen. Ohne Gegner klänge es wie ein Wunschzettel. Der vierte Zug ist die Ansage selbst: Der Text kündigt etwas an, einen Aufbruch, ein Programm, ein Ende von irgendetwas, und er wendet sich an jemanden, der es hören soll.

Nicht in jedem Manifest sind alle vier Züge gleich stark ausgeprägt. Mal tritt der Gegner zurück, mal die Wir-Stimme, mal ist die Ansage nur zwischen den Zeilen zu lesen.

Auch die Kunst schreibt Manifeste

Die Form gehört nicht der Politik allein. Filippo Tommaso Marinetti ließ 1909 das Futuristische Manifest in der Pariser Zeitung „Le Figaro“ erscheinen, ein Text, der laut mit dem Alten abrechnen wollte. André Breton legte 1924 das „Manifest des Surrealismus“ vor, und auch dort sprach eine Gruppe, die sich ihren Platz erst verschaffen musste.

Auch dort stand etwas im Weg, das beiseite sollte: das, was bis dahin als Kunst galt. Zwei Beispiele genügen, um zu sehen, dass die Form wandert: Sie ist ein Weg, vor Publikum zu sagen, was man vorhat, und deshalb für Maler und Dichter ebenso brauchbar wie für Parteien.

Das Kommunistische Manifest als Musterfall

Das bekannteste Beispiel ist das Kommunistische Manifest von 1848, dessen Originaltitel „Manifest der Kommunistischen Partei“ lautet. Das erste seiner Art muss es nicht sein, aber es zeigt alle Züge der Form auf engem Raum. Die Wir-Stimme ist die der Kommunisten, die laut sagen, es sei Zeit, ihre Ansichten vor aller Welt darzulegen. Der Gegner steht im Text, und zwar von Anfang an. Das Heft ist dünn genug, um an einem Nachmittag durchgelesen zu werden. Und die Ansage ist unüberhörbar. Zusammen ergibt das ein Blatt, das man in die Hand nimmt wie einen Aushang und liest wie eine Ansage.

Den Schluss bildet die Anrede an die Adressaten, eine einzige Zeile: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Auf welchem Weg der Text zu dieser Zeile kommt, lässt sich Kapitel für Kapitel nachlesen.

Ein Aushang ist schnell überflogen, ein Manifest verlangt, dass man seine Behauptungen prüft, und mit solchen Prüfungen beschäftigen sich die Texte der Rubrik Manifest und Kommunismus.

Für den Anfang genügt ein kleiner Schritt: Lesen Sie den ersten Absatz eines Manifests, ob politisch oder künstlerisch, einmal laut und achten Sie darauf, wer dort „wir“ sagt, wen der Text zum Gegner macht und was er ansagt.

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