Warum wurde Marx aus Deutschland ausgewiesen?
Marx schrieb Artikel, keine Bomben: Warum Behörden ihn aus Deutschland drängten, wohin er ging und was das mit seiner Zeitung zu tun hatte.
Immer wieder wird gefragt, was Marx eigentlich von Beruf war: Philosoph, Ökonom, Politiker, irgendetwas dazwischen. Ich sortiere es so: Er arbeitete als Journalist, denn er schrieb für Zeitungen und leitete eine. Philosoph war er der Ausbildung nach, Professor wurde er nie. Wirtschaft war sein Thema, eine Stelle in der Wirtschaft hatte er nie.
Die Reihenfolge ist Absicht. Das Wort Politiker lasse ich beiseite, es führt in Parteigeschichten, und die gehören nicht zu dieser Frage. Mich interessiert, was Marx an einem gewöhnlichen Arbeitstag tat, also womit er die Stunden füllte.
Marx leitete als Redakteur die „Rheinische Zeitung“ in Köln. Ein Redakteur bestellt Beiträge, kürzt sie, schreibt selbst und sorgt dafür, dass die Ausgabe rechtzeitig voll wird. Das ist Handwerk mit Abgabetermin, und genau das war der Alltag von Marx.
Die „Rheinische Zeitung“ wurde verboten, und Marx verließ die Redaktion. Das war der Anfang einer Wanderschaft; die Ausweisung aus Preußen kam erst später, nach seiner zweiten Zeitung. Die Geschichte, wie Marx aus Deutschland wegmusste, beginnt aber an diesem Schreibtisch.
Später gab er in Köln die „Neue Rheinische Zeitung“ heraus, die ebenfalls nur kurz erschien. Danach schrieb er als Korrespondent für eine New Yorker Zeitung, die „New-York Tribune“: Berichte und Einschätzungen über Europa, über den Atlantik geschickt. Man kann das als Beiwerk neben den dicken Büchern abtun. Ich halte es für den Kern. Hier hatte er Leser und Gegner, hier musste er liefern, auch wenn ihm gerade nicht danach war. Eine Zeitung verzeiht keine Verspätung. Was heute nicht gesetzt wird, fehlt morgen im Blatt, und kein Gedanke ändert daran etwas, so groß er auch sein mag.
Die Doktorarbeit von Marx galt der Naturphilosophie der Antike, genauer zwei Denkern, Demokrit und Epikur. Eingereicht hat er sie in Jena. Philosoph ist also kein erfundener Titel, er hat eine Urkunde dahinter.
Aber er war nie Professor und hatte nie einen Lehrstuhl. Kein Hörsaal, kein Seminar. Der Titel sagt, woher er kam. Den Arbeitsalltag erfasst er kaum, denn wer als Philosoph arbeitet, lehrt in der Regel oder wird von einer Hochschule bezahlt, und das trifft auf Marx nicht zu. Ein Teil seiner Gedanken entstand in Zeitungsartikeln, mitten im Lärm des Tagesgeschäfts. Dass ein Mann mit philosophischem Doktorhut Zeitungsspalten füllt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Abstieg. Ich lese es anders: Er brachte das Denken dorthin, wo es gelesen wurde.
Vieles nahm er bei anderen auf und trieb es weiter, bei Hegel angefangen. Die Reihe derer, auf die er sich stützte, ist länger, als man bei einem Mann mit so großem Ruf erwartet. Ein Philosoph im Sinne eines Berufs ergibt das trotzdem nicht, eher einen Leser, der laut weiterdenkt.
Bleibt der Ökonom. Wirtschaft war der Gegenstand, an dem Marx arbeitete: Wie entsteht Reichtum, wer bekommt ihn, was bedeutet Arbeit dabei. Das ist ein Thema, und zwar ein riesiges.
Eine Stelle war es nie. Marx leitete keinen Betrieb, führte keine Bücher für eine Firma und hatte keinen Platz in der Verwaltung der Wirtschaft. Er sah der Wirtschaft von außen zu und schrieb auf, was er sah. Ein Posten, das wären Schreibtisch und Zuständigkeit, dazu die Unterschrift unter fremden Zahlen. Nichts davon gehörte zu seinem Alltag. Er hatte stattdessen Fragen, und die begleiteten ihn länger, als jede Stelle es getan hätte.
Ob Fachleute ihn zu den Ökonomen zählen würden, kann ich nicht beurteilen. Das Fach kenne ich nur von außen, und eine Einschätzung aus dem Handgelenk bliebe bloße Behauptung. Ich kann nur sagen: Als Berufsbezeichnung taugt das Wort nicht, als Beschreibung seines Interesses sehr wohl. Man könnte einwenden, das sei Haarspalterei. Ich glaube das nicht, denn mit dem falschen Beruf im Kopf liest man die Texte mit der falschen Erwartung: Von einem Professor erwartet man ein geschlossenes System, bei einem Schreiber, der vom Tag aus arbeitet, suche ich besser nach den Fragen, die ihn über Jahre beschäftigten.
Im Keller steht mein Montageständer. Das Rad hängt in der Klemme, darunter liegt Zeitungspapier gegen das Öl, und ich drehe am Speichenschlüssel, bis das Rad wieder rund läuft. Wer Rädern die Speichen nachzieht, nennt sich deshalb noch nicht Mechaniker. Die Hände wissen, was zu tun ist, das Schild dazu fehlt. Tun und Titel fallen auseinander, und das Rad läuft trotzdem.
Bei Marx liegt der Fall umgekehrt. Es gäbe mehrere Schilder, die man ihm anschrauben könnte, und keines passt ganz. Beruf ist für mich, was einer jeden Tag in die Hand nimmt. Bei Marx war es die Feder. Sie schrieb Zeitungsartikel, die Doktorarbeit und die Entwürfe zur Wirtschaft, und aus diesem Tun lässt sich seine Arbeit besser verstehen als aus jeder Berufsbezeichnung.
Ich gebe zu, dass ich mich an Titeln schnell verhebe. Sie klingen nach Auskunft und liefern oft nur ein Wort, das größer ist als die Sache. Nach demselben Muster, erst die Arbeit und dann das Urteil, gehen die anderen Texte der Rubrik Karl Marx: Person und Werk vor.
Auf die Frage nach dem Beruf würde ich antworten: Journalist, mit einem Doktortitel in Philosophie und der Wirtschaft als Lebensthema. Ich würde diese Reihenfolge wählen, weil nur die erste Angabe beschreibt, was Marx an einem gewöhnlichen Arbeitstag tat.