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Daniel Schäfer

Vor dem dritten Anlauf habe ich etwas Einfaches beschlossen: keine Seitenziele mehr, keine Wochenpläne, nur eine kleine feste Menge, egal wie der Dienst liegt. Als Anlauf zähle ich jeden Versuch, das Buch von vorn zu beginnen und bis zum Ende zu bringen. Die ersten beiden sind irgendwo im Anfang versandet. Der Beschluss klang nüchtern, fast langweilig. Er hat funktioniert.

Das ist zugleich meine Antwort auf die Frage, wie man Das Kapital liest: in kleinen, festen Portionen, mit einem Bleistift in der Hand und zunächst nur mit dem ersten Band. Den hat Marx 1867 veröffentlicht, es ist der einzige Band, den er selbst herausgegeben hat. Alles andere kommt später oder in Teilen. Das Ziel einer Sitzung ist ein verstandener Gedanke. Bei mir ist auf diese Weise der erste Band am Ende doch zu Ende gelesen worden.

Der Dienstplan hat das letzte Wort

Ich fahre Straßenbahn, im Wechsel aus Frühdienst, Spätdienst und Wochenende. In manchen Wochen wandert die Aufstehzeit von Tag zu Tag, und die innere Uhr gibt irgendwann auf. Ein fester Lesetermin, sagen wir jeden Abend um acht, hält unter diesen Umständen bis zum ersten Spätdienst. Der Dienstplan gewinnt jeden Streit mit einem Vorsatz, und er gewinnt ohne Anstrengung.

Ich habe es auch mit Mischformen versucht: jeden Tag direkt nach dem Aufstehen, jeden Tag direkt nach dem Dienst. Beides scheitert am selben Wort. „Jeden Tag“ setzt voraus, dass jeder Tag gleich aussieht, und das tut er bei einem Schichtplan nie. Nach der dritten Verschiebung hängt der Vorsatz nur noch als schlechtes Gewissen im Raum, und ein schlechtes Gewissen liest bekanntlich nicht mit.

Was hält, ist eine Menge, die überall passt. Ich nenne sie Portion: ein Abschnitt, also ein Stück Text, das einen Gedanken zu Ende führt. Ein Abschnitt pro Sitzung. Er passt in die Pause am Streckenende und in den Sonntagvormittag. Wann die Sitzung stattfindet, entscheidet der Tag. Dass sie stattfindet, entscheidet die Menge.

Das Wochenende verleitet zu größeren Portionen, weil es nach viel Zeit aussieht. Ich lasse die Portion trotzdem so groß wie unter der Woche. Sonst hängt das Lesen wieder an einem Wochenplan, und der hält bis zum nächsten Dienst.

An manchen Tagen reicht die Kraft genau für diese eine Portion. Auch das zählt, denn am Ende einer Woche liegen mehr Abschnitte hinter mir, als jeder große Vorsatz je geschafft hätte.

Bleistift, Rand, Zettel

Das wichtigste Werkzeug ist der Bleistift. Ich lese mit drei Zeichen am Rand. Ein Haken heißt: verstanden. Ein Haken mit einer Welle heißt: halb. Drei Fragezeichen heißen: Hier komme ich nicht mit. Drei Zeichen genügen, und ich muss mich nach einem Abschnitt auch nicht für eines entscheiden, das mir schmeichelt. Ich muss nur ehrlich einordnen, wie viel angekommen ist.

Die Zeichen haben noch einen zweiten Nutzen. Beim nächsten Aufschlagen sehe ich sofort, wo ich stehe: Was einen Haken trägt, überfliege ich, was eine Welle trägt, lese ich noch einmal langsam, und die Fragezeichen warten. So fange ich nie bei null an, auch nach einer Woche ohne Lesezeit nicht.

Eine Sitzung läuft bei mir daher immer gleich ab: Buch auf, die Zeichen der letzten Sitzung ansehen, einen Abschnitt lesen, ein Zeichen setzen, bei einem auffälligen Wort den Zettel ergänzen, Buch zu. Das sind ein paar Handgriffe, und weil es jedes Mal dieselben sind, kostet der Einstieg keine Überwindung.

Dazu kommen lose Zettel im Buch, für die Wörter, die bei Marx etwas Eigenes bedeuten. Jedes Wort bekommt einen Zettel mit den Stellen, an denen es auftaucht, und mit meiner jeweils vorläufigen Fassung. Weil es Bleistift ist, darf die Fassung falsch gewesen sein.

Der Zettel mit den meisten Einträgen trägt das Wort Kapital. Er ist dichter beschrieben als alle anderen, und seine Einträge widersprechen sich, je weiter ich im Buch komme. Wie Marx das Wort fasst, habe ich getrennt aufgeschrieben: was Marx unter Kapital versteht.

Weiterlesen, wenn es nicht sitzt

Eine Stelle, die nicht sitzt, bekommt ihre drei Fragezeichen, und ich lese weiter. Das war der eigentliche Unterschied zu den ersten beiden Anläufen. Damals blieb ich an solchen Stellen hängen und las sie wieder und wieder, bis die Lust weg war. Drei Fragezeichen sind ein Vermerk für später. Sie bleiben am Rand stehen, bis ich sie mit dem Bleistift durch einen Haken ersetzen kann, und bis dahin stören sie niemanden.

Manches klärt sich erst beim Zurückblättern. Eine Stelle trug bei mir drei Fragezeichen, und zwei Abschnitte später stand ein Satz im Text, der sie aufgelöst hat. Ich habe die Fragezeichen ausradiert und einen Haken daraufgesetzt. Ob das für jeden Leser so gilt, weiß ich nicht. Bei mir war es so. Manche der Fragen, die man vor dem ersten Aufschlagen hat, habe ich in einer eigenen Rubrik beantwortet: weitere Fragen zum Kapital.

Was ich zunächst weglasse

Band 1 reicht für den Anfang. Die Bände 2 und 3 haben Zeit. Begleitliteratur habe ich anfangs ebenfalls beiseitegelegt. Bei mir hat das geholfen: Ich wollte zuerst wissen, was im Buch steht, bevor ich las, was andere darin sehen.

Ein Schritt für heute: Legen Sie Bleistift und einen Zettel neben das Buch, lesen Sie genau einen Abschnitt, setzen Sie einen der drei Zeichen an den Rand und hören Sie dann auf, auch wenn noch Lust übrig ist. Morgen kommt der nächste Abschnitt dran, und zwar zu der Uhrzeit, die der Tag Ihnen lässt.

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