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Daniel Schäfer

An einem freien Tag gehe ich gern ohne Ziel durch die Stadt. Das Licht fällt flach zwischen die Glastürme der Banken, die Fassaden spiegeln den Himmel samt Wolken. Daneben stehen Altbauten mit Stuck über den Fenstern, und dazwischen liegt Pflaster, das unter den Sohlen ungleichmäßig nachgibt. Ich schaue hinauf, bleibe stehen, gehe weiter. Hineingegangen bin ich nie.

Die kurze Antwort auf die Frage lautet: Marx definiert den Kapitalismus als eine bestimmte Produktionsweise, also als die Art, wie eine Gesellschaft ihre Güter herstellt. Seine Beschreibung hat nur wenige Teile. Die Güter werden für einen Markt hergestellt; die Mittel zur Herstellung gehören der einen Seite; die andere Seite hat nur ihre Arbeitskraft und verkauft sie gegen Lohn. Der Zweck des Ganzen ist die Vermehrung des Kapitals.

Ein Wort, das bei Marx kaum vorkommt

Im „Kapital“ spricht Marx meist von der kapitalistischen Produktionsweise und von Kapitalisten, womit er die Leute meint, die über das Kapital verfügen. Das Hauptwort „Kapitalismus“ kommt bei ihm kaum vor. Durchgesetzt hat es sich erst später, und inzwischen trägt es so viele Bedeutungen, dass man bei einem Satz mit diesem Wort oft raten muss, was gerade gemeint ist. Die Sache beschreibt Marx also ausführlich, ohne dem Hauptwort viel Gewicht zu geben.

Ich halte mich deshalb an Marx’ eigenes Wort. „Produktionsweise“ klingt sperrig, nach Amtsstube, aber es nennt genau, was er untersucht: eine Art zu wirtschaften, die sich Teil für Teil beschreiben lässt. Teile kann man einzeln anschauen und einzeln prüfen. Mit einem Schlagwort geht das nicht.

Produktionsweise: Wie eine Gesellschaft herstellt

Jede Gesellschaft muss essen und wohnen. Wie sie das organisiert, wer arbeitet, womit, für wen und unter welchen Bedingungen, das ist ihre Produktionsweise. Marx behandelt die kapitalistische als eine unter mehreren: als eine Weise zu produzieren, die irgendwann entstanden ist, so wie andere vor ihr. Mehr sage ich dazu nicht, weil ich es nur in Teilen belegen kann.

Das erste Merkmal ist der Markt. Ein Erzeugnis für den eigenen Haushalt entsteht anders als eines für Käufer, die man nie zu Gesicht bekommt und deren Nachfrage man schätzen muss. In der kapitalistischen Produktionsweise entstehen die Güter, um verkauft zu werden. Gebraucht werden sie dann irgendwo anders. Der Hersteller weiß beim Fertigen nicht, ob jemand kauft. Er erfährt es erst am Markt, und bis dahin ist alles Einsatz.

Über allem steht der Zweck: Das Kapital soll wachsen. Was Marx dabei mit dem Wort meint, klärt die Definition von Kapital genauer. Den Zuwachs nennt er Mehrwert, hier genügt der Name.

Wer hat die Maschinen, wer nur die Arbeitskraft?

Produktionsmittel nennt Marx alles, womit hergestellt wird: Gebäude, Maschinen, Rohstoffe. In der kapitalistischen Produktionsweise gehören sie der einen Seite, den Kapitalisten. Kapitalist heißt bei Marx eine Stelle im Gefüge, nämlich die der Seite, der die Produktionsmittel gehören. Die andere Seite besitzt nur sich selbst, genauer: ihre Arbeitskraft, das Vermögen zu arbeiten, mit Händen und Kopf. Diese Arbeitskraft verkauft sie gegen Lohn, weil ihr zum Leben sonst nichts bleibt. Der Lohn ist der Preis, den die Arbeitskraft auf dem Markt erzielt, und dort treffen die beiden Seiten aufeinander.

Frei ist der Arbeiter dabei in doppeltem Sinn, so gibt Marx es wieder. Er darf seine Arbeitskraft verkaufen, an wen er will, und er ist frei von Produktionsmitteln, hat also nichts, womit er selbst herstellen könnte. Das Wort „frei“ klingt nach Lob. Ich lese es als trockenen Witz.

Zwei Seiten also, die einander brauchen: Die Maschinen stehen still ohne Arbeit, und die Arbeitskraft findet ohne Maschinen keinen Ort. Marx beschreibt dieses Verhältnis und lässt einzelne Personen außen vor. Ob das gerecht ist, lässt sie offen und hält fest, wer was hat und wozu produziert wird.

Beschreiben und bewerten

Beim Lesen trenne ich Beschreibung und Urteil. Der Untertitel des Buches lautet „Kritik der politischen Ökonomie“, und er sagt, dass beides darin steckt: die Untersuchung und der Einspruch. Die Definition selbst gehört zur Untersuchung. Sie sagt weder „gut“ noch „schlecht“.

Mir fällt diese Trennung nicht leicht, weil „Kritik“ im Alltag meist Ablehnung heißt. Ich lese das Wort bei Marx zuerst als Prüfen: Er nimmt die Wirtschaftslehre seiner Zeit auseinander und fragt, woher ihre Begriffe stammen und was sie voraussetzen. Das Prüfen hat bei ihm viel Platz, und die Definition kommt ohne Wertung aus, sodass sich an ihr das reine Beschreiben gut üben lässt.

Die Frage „gut oder schlecht“ bleibt in der Rubrik Das Kapital lesen offen, dort wird das Buch erklärt. Mit der Definition im Kopf kann man danach zustimmen oder widersprechen.

Vom Gehweg aus sieht man Fassaden; die Verhältnisse dahinter bleiben unsichtbar. Die Türme zeigen nicht, wer dort für wen arbeitet und wem die Mittel gehören, und Marx fragt genau danach: nach dem, was hinter den Türmen liegt. Als Argument taugen Glastürme für nichts und gegen nichts, so wenig wie die Altbauten daneben.

Die Definition ist nur ein Stück des Buches, und wie sich die drei Bände verhalten, lässt sich in wenigen Sätzen sagen.

Am Abend sind viele Fenster der Türme hell, andere dunkel. Das Gebäude steht, doch die Verhältnisse darin werden jeden Tag neu hergestellt, von Leuten, die ich im Vorbeigehen nicht sehe.

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