Karl Marx Beruf: Journalist, Philosoph oder Ökonom?
Was war Karl Marx von Beruf? Ein Leser trennt Handwerk und Ruf: Zeitungsschreiber, Philosoph, Ökonom – und warum keiner der Titel allein passt.
Das Missverständnis zuerst: Wer „Marx“ sagt, meint oft einen ganzen Staat oder ein ganzes System. Das gab es zu Lebzeiten von Marx noch gar nicht. Er schrieb Bücher und Zeitungsartikel. Ein Staat war nicht darunter.
Bekannt ist Karl Marx als deutscher Philosoph, Ökonom und Journalist des 19. Jahrhunderts, und seine bekanntesten Titel sind zwei: das „Kommunistische Manifest“, das 1848 gemeinsam mit Friedrich Engels erschien, und der erste Band des „Kapital“ von 1867. Genau besehen ist allerdings vor allem der Name bekannt. Viele kennen die beiden Titel, deutlich weniger haben eines der Bücher je aufgeschlagen.
Im Wagen fällt der Name manchmal im Vorbeigehen. „Das ist doch Marx“, sagt jemand über irgendetwas, das ich nicht mitbekommen habe, und an der nächsten Haltestelle sind die Sprechenden ausgestiegen. Der Name klebt dann an der Sache wie ein Etikett, und keiner erklärt, was darunter steht. Das Etikett erspart das Erklären, und darin liegt sein Reiz. Mehr als eine Stimmung ist das nicht, einen Beleg liefert es für nichts.
Ich sortiere, wofür Marx bekannt ist, in drei Schubladen. Die erste nimmt auf, was er selbst geschrieben hat: Bücher und Artikel. Die zweite füllt sich mit dem, was als Satz oder Schlagwort von ihm im Umlauf ist, und sei es aus zweiter oder dritter Hand. Der dritten gehört, was später im Namen eines „Marxismus“ geschah. Die Verwechslungen entstehen meist dort, wo Inhalt aus der dritten Schublade stillschweigend in die erste gelegt wird.
Berühmtheit sagt erstaunlich wenig über den Alltag dahinter. Ein Titelblatt zeigt den Namen und verschweigt, wie der Autor seine Tage verbrachte. Ob man Marx eher Journalist, Philosoph oder Ökonom nennt, ist eine eigene Frage, und sie klärt sich am besten an Alltag und Beruf von Marx.
Die erste Schublade ist die, in die nur wenige wirklich hineingesehen haben. Zwei Titel stehen obenauf. Das „Manifest“ ist eine schmale Schrift, an der Marx und Engels gemeinsam als Autoren stehen. Der erste Band des „Kapital“ ist ein dicker Band, dem man jede Seite ansieht. Von beiden kennen viele den Umschlag, und auf dem Umschlag steht nur der Titel und ein Name.
Auf dem Umschlag steht ein Name, und der Name hat im Lauf der Zeit mehr Gewicht bekommen als die Bücher darunter. Dazu kommt ein Berg an Artikeln und Manuskripten, von dem außerhalb der Fachleute selten die Rede ist. Aus diesem Berg und den zwei Titeln eine Auswahl zu treffen, ist ein eigenes Thema: was von Marx lesenswert ist.
Beim Lesen gilt für mich eine einfache Regel: Was auf dem Titelblatt steht, gehört in die erste Schublade, alles andere muss sich ausweisen. Ein Satz ohne Fundstelle bleibt in der zweiten Schublade liegen, bis sich die Stelle findet, und manchmal findet sie sich nie. Das klingt strenger, als es ist: Es kostet nur die Mühe, einen Satz nicht weiterzureichen, bevor ich ihn gefunden habe.
Die dritte Schublade ist die lauteste. Staaten, die sich auf Marx beriefen, gab es zu seinen Lebzeiten nicht. Sie entstanden Jahrzehnte später, und er hat keinen einzigen von ihnen gesehen. Von einem „marxistischen Staat“ zu sprechen heißt, über etwas zu reden, das lange nach seinen Büchern entstand. Was dort geschah, gehört darum in eine andere Schublade als das, was er schrieb.
Das heißt nicht, dass beides nichts miteinander zu tun hätte. Spätere haben sich auf ihn berufen und ihn ausgelegt, manche eng am Text, manche weit davon entfernt. Wie viel davon aus seinen Büchern folgt und wie viel erst im Nachhinein hineingelesen wurde, ist eine Frage an die Geschichte der Ideen. Ich lege Marx jedenfalls nichts in den Mund, was Spätere in seinem Namen taten, und erwarte das von niemandem, der über ihn spricht.
Das Wort „marxistisch“ selbst ist ein Etikett, das vor allem spätere Jahre geprägt haben, von Anhängern wie von Gegnern gebraucht. Es sagt zunächst etwas über die, die es benutzen, und erst danach etwas über die Bücher. Wie aus diesen Büchern ein „-ismus“ wurde und was man darunter heute versteht, lässt sich in der Rubrik Marxismus verstehen, ohne Lehrbuch nachlesen.
Kurz gefasst: Marx war ein deutscher Autor des 19. Jahrhunderts, bekannt durch das „Manifest“ und das „Kapital“. Vieles, was heute mit seinem Namen verbunden wird, stammt von Späteren. Was er selbst meinte, steht in seinen Büchern und sonst nirgends.
Belegen kann ich davon weniger, als mir lieb ist. Ich kann sagen, wofür der Name steht, aber zu jedem Satz, den man ihm zuschreibt, die Stelle zu nennen, schaffe ich nicht. Bekannt sein und Bescheid wissen sind zweierlei, bei Marx genauso wie bei mir. Mit einem Schlagwort ist man schnell, die Stelle im Buch zu finden dauert. Das gilt für die Schlagworte der zweiten Schublade genauso wie für die großen Bilder der dritten.
Wie Marx arbeitete, warum er gehen musste und auf wen er sich stützte, beantworten die Texte der Rubrik Karl Marx: Person und Werk, jeder für eine einzelne Frage.
Die beiden aus dem Wagen sind längst ausgestiegen, und das Etikett haben sie mitgenommen. Die Bücher dahinter liegen weiter da, mit dem Namen auf dem Umschlag, und was drinsteht, lässt sich Seite für Seite nachlesen.